
Frau Gertraud Teuchert-Noodt hat den Zusam- menhang von Hirnforschung und Bewegung zu einem Schwerpunkt ihrer Forschungsarbeit gemacht. Die Reifung des Stirnhirns dauert etwa bis zum 18. Lebensjahr. Die Dauer dieser Entwicklung ist unter anderem auf die langsame Einreifung von Dopamin ins Stirnhirn zurück- zuführen. Dopamin veranlasst als Botenstoff die abgestimmte Umstrukturierung der neuronalen Netze des Stirnhirns sowie die Bildung neuer synaptischer Kontakte. Die Reifung der Dopaminfasern ist aktivitätsabhängig."
Hirnforschung ? Förderung der Lernbegabung im frühkindlichen Alter
Die Balancen innerhalb dieses sensiblen Interaktions- und Botenstoffsystems können durch Bewegungsmangel - wie übrigens auch durch Drogenkonsum - empfindlich gestört werden.
Bei einem Vortrag beim Familien-Kongress in Nürnberg zeigte die Wissenschaftlerin auf, dass es bei der Entwicklung des Gehirns verschiedene Organisationsformen gibt, die in einer bestimmten Reihenfolge ablaufen. Beim Kind und Heranwachsenden sind die Nervennetze noch instabil und der Reifungsprozess in hohem Masse der Umwelt ausgesetzt. Nützliche und schädigende Einflüsse wirken sich in dieser Zeit deshalb besonders stark auf die Entwicklung des Kindes aus. Es gibt einige hoch kritische Phasen, in der sich eine Dopamin-Blockade verheerend auswirkt.
Negativ auf die Dopaminausschüttung wirkt sich unter anderem aus:
- Nikotin
- Heroin
- gestörter Schlaf-/Wach-Rhythmus
- Stress
- fehlender Elternkontakt
- Bewegungsmangel
- fehlende manuelle Beschäftigung
- Unterdrückung der Phantasie
- Reizüberflutung
- fehlender Umgang mit Eltern und Gleichaltrigen
Frau Gertraud Teuchert-Noodt stellte eine Faustregel zur Förderung des Lernens von der Zeit vor der Geburt bis zum Schulalter auf:
- Entwicklung von endogenen Rhythmen; vorgeburtlich:
Gefährliche Stressfaktoren in der vorgeburtlichen Phase sind z. B. starker Lärm (Flugzeug, Disco...) und heftige, rüttelnde Bewegungen (bei langen Zug- oder Autofahrten). Wird die Entwicklung des Nervensystems in dieser Zeit gestört, führt es beim Kind später sehr häufig zu Störungen wie Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom (ADS), Problemen beim Text- und Zahlenverständnis oder agressivem Verhalten.
Es gilt also das werdende Leben und das Kleinkind vor Stressoren jeglicher Art zu schützen. - Entwicklung der Schaltkreise für limbisches System und Stirnhirn; 0-2. Lebensjahr:
Bis zum 2. Lebensjahr bilden sich im Stirnhirn die Fähigkeiten zu raum-zeitlicher Verrechnung usw. aus. Für die Reifung dieser psychisch-kognitiven Funktionen ist Vorraussetzung, dass die Eltern früh die Sozialisation einüben und sich intensiv mit ihrem Kind beschäftigen und diese Aufgabe nicht dem Fernsehgerät überlassen. - Entwicklung motorisch-limbischer Schaltkreise; ½.-5. Lebensjahr:
Damit das Kind später wach, flexibel uns aufmerksam sein kann, müssen vom 6. Monat bis zum 5. Lebensjahr der kindliche Bewegungsdrang und die kindliche Emotionalität in vollem Umfang zugelassen und gefördert werden. Diese Entwicklung wird durch Fernsehen im Vorschulalter empfindlich gestört. - Entwicklung von Basalganglien und prä-motorischen Schaltkreisen; 2.-6. Lebensjahr:
Voraussetzung für das spätere Erlernen des Sprechens, Schreibens und Rechnens ist die Integration beider Hirnhälften im 2. bis 6. Lebensjahr. Dafür muss das Kind nicht einen Joystick sondern beide Hände beim Spielen einsetzen. - Entwicklung motivational-kortikaler Schaltkreise; 2.-6. Lebensjahr:
Voraussetzung für Kreativität und allgemeine Persönlichkeitsentfaltung ist die individuelle Förderung der Phantasie vom 2. bis 6. Lebensjahr. Dies wird erreicht durch Selbstbeschäftigung, Gemeinschaftsspiele, Lernen von Liedern und Reimen usw. Auch in diesem Prozess ist Fernsehen ein grosser Störfaktor. - Entwicklung von integrativen limbo-kortikalen Schaltkreisen; 2.-5. Lebensjahr:
Voraussetzung für allgemeine Lernbegabung ist ein gesunder Schlaf-/Wach-Rhythmus. Das Kind muss im 2. bis 5. Lebensjahr vor Überforderung und Reizüberflutung geschützt werden. - Entwicklung von integrativen Schaltkreisen des Stirnhirns; 3.-9. Lebensjahr:
Voraussetzung für eine fortschreitende Sozialisierung ist eine Erziehung, die nicht nur auf Nachahmung sondern auf kausale Zusammenhänge gerichtet ist. Es gilt, Konfliktbewältigung, Toleranz und ethische Grundprinzipien im Umgang mit Eltern und Gleichaltrigen einzuüben.

In jeder Altersstufe sind - natürlich auch ausserhalb von kritischen Phasen - sämtliche Regeln zu beachten, da die Reifungsgeschehnisse im Gehirn über die frühkindlich hohe limbische Dynamik beständig neu aufgemischt werden. Was sich auch bei der wachsenden Dynamik von Lebensprozessen in unserem technischen Zeitalter nicht geändert hat: die Entfaltung der Persönlichkeit eines Kindes lässt sich nicht beschleunigen, sondern folgt den im Menschen unumstößlich verankerten Rhythmen und individuellen Dispositionen und hängt nach wie vor ganz entscheidend von Elternhaus, Kindergarten und Schule ab.
Quelle: Notizen von G-C Südel bei einem Vortrag von Prof. Dr. Dr. Gertraud Teuchert-Noodt, Oktober 2006 in Nürnberg
Prof. Dr. Dr. Gertraud Teuchert-Noodt
Studium der Biologie, Chemie und Physik;
Forschung am Institut für Luft- und Raumfahrt;
Habilitation in Anatomie, Histologie, Neurobiologie;
Forschungsaufenthalte am Biophysikal. MPI in Göttingen;
seit 1979 Uni Bielefeld, Fakultät für Biologie als Leiterin
des Instituts für Neuroanatomie und Humanbiologie;
seit Mitte der 80iger Lern- und Psychoseforschung am Tiermodell.
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