Über Erziehung wird viel geredet... aber wenn es ums Tun geht...

Die 4Family-Redaktion war dabei, als Roli Neyerlin mit den Anwesenden vom LUcerne Family Festival 2007 versuchte, dem Phänomen Erziehung auf die Spur zu kommen. Hier werden ein paar Gesprächsfetzen wiedergegeben.

Die Fragen und Ideen und Zusammenfassungen vom Berufsphilosophen sind fett und kursiv gekennzeichnet.

 

GEDANKENSPLITTER ? ohne auch nur den geringsten Anspruch auf Vollständigkeit:

Wo seid ihr zum ersten Mal mit dem Begriff Erziehung in Berührung gekommen?
- Wir übernehmen das Muster von der Erziehung der Eltern.
- Es gibt verschiedene Erziehungsziele: Gehorsam, Anpassung, Selbstherrlichkeit...
- Und verschiedene Erziehungsmodelle.
- Erziehung ist verwandt mit Beziehung.

Wie wird Erziehung ausgestaltet? Wer erzieht?
- Positive und negative Vorbilder, der öffentliche Raum, die Eltern, das Radio, das Internet, die Kirche, Zeugen Jehovas an der Tür, ein Auto, das vorbeifährt... Alles.

Alles? Wirklich alles? Was erzieht nicht?

Früher, auf dem Land, war man umstellt von erzieherisch tätigen Personen. Wenn ich nicht gegrüsst hätte, wäre spätestens die dritte Persom auf mich zugekommen und hätte gesagt: "Bist du nicht den Eisenhändler Neyerlin sein Sohn? Lernt man euch zuhause nicht zu grüssen?"

Wertvorstellungen in Bezug auf Erziehung divergieren.
Wenn ich als 16jähriger neun Monate nach der Fasnacht Vater geworden wäre, hätte ich die Suppe auslöffeln müssen. "Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt!"
Heute gibt es mindestens 25 verschiedene Wertvorstellungen.

- Denn es gibt unterschiedliche Moralvorstellungen.

Es gibt Ursachen - wir müssen lösungsorientiert damit umgehen - nicht moralisierend oder mit Schulzuweisungen.
Schwierig ist heutzutage die Pluralisierung der Wertvorstellungen. An Schulen gibt es bei Lehrern kein einheitliches Denken in Bezug auf Werte. Das hatte zur Folge, dass Leitbilder geschrieben werden mussten.

- Die gesellschaftlichenRahmenbedingungen haben sich verändert.
- Es existiert ein grösseres Angebot.

Der Wertepluralismus erzeugt eine grosse Verunsicherung. Was gilt? Darf ich im Kino die Füsse auf den Stuhl legen? Darf ich einen Nachbarn, der dies tut, darauf ansprechen?
Wir haben uns von fast allen Werten verabschiedet. Keiner traut sich mehr zu sagen: "Das Gemälde ist gut und das ist schlecht."

Das führt zu einer "Pseudotoleranz der Beliebigkeit". Wie kommt man zu einer Basis der Wertvorstellungen?
Wir müssen gesamtgesellschaftlich beginnen zu streiten, was gut ist und was nicht.

Beim Umgang mit der Unsicherheit hat unsere Gesellschaft zwei Strategien gewählt, die völlig falsch sind.

Den Fundamentalismus und die Toleranz der Beliebigkeit.
Das sind zwei Seiten der gleichen Medaille.
Es sind beides Begegnungsvermeidungsstrategien.
Leute breiten sich aus zur Welt, das heisst sie begegnen keinem mehr, nur sich selbst.

Dei Einstellung "Stimmt es für mich?" muss nicht abgeschafft werden. Aber von Zeit sollten wir uns fragen: "Stimmt es für andere auch?"

Beziehung bezieht sich nicht nur auf Menschen. Es ist die Fähigkeit, sich in Beziehung zu setzen, den Blick von mir ab und anderen zuzuwenden. Martin Buber hat gesagt: "Alles wirkliche Leben ist begegnung."
... zu Menschen, zu Sachen, zu mir selbst...

- Erziehung wird erst zur Erziehung, wenn sie ein Ziel hat.

Was heisst Erziehung?
- So gut wie möglich Anlagen fördern.
- Das Kind soll glücklich sein.
- es soll möglichst gut durchs Leben kommen.
- Wichtig ist die Kombination gut & glücklich.
- positive Lebensenergie vermitteln.
- gutes Lebensgrundgefühl (Vertrauen, Geborgenheit, Zuverlässigkeit)
- Zeit nehmen und haben.

- Wichtig ist das Gleichgewicht. Sowohl für sich selbst als auch für andere zu sorgen.

Wir brauchen Kontinuität in dieser hochbeschleunigten Welt.
Lehrlingsausbilder beschweren sich nicht in erster Linie darüber, dass die Lehrlinge faul sind oder von der Schule genügend vorbereitet. Ein Ausbilder meinte neulich, die Lehrlinge würden zu wenig Herzblut investieren. Dazu würde ein Lehrling jetzt sagen: "Wenn ich als Lernender heute nicht weiss, ob es die Firma in zwei Jahren noch gibt, wie kann ich dann Herzblut für sie entwickeln?" Es ist bei den jungen Menschen schlicht und einfach eine èberlebensstrategie, dass sie sich nicht so stark einbringen.

Wir müssen lernen, dass es verschiedene Ansichten gibt. Wir haben die Freiheit der verschiedenen Auffassungen. Es muss jedoch eine gemeinsame Basis geben.

- Erziehung ist nicht Gleichmacherei.
- Menschen sind unterschiedlich.
- Vielfalt ist ein demokratisches Prinzip.

- Wir müssen Raum zum Experimentieren lassen.
- Autonomie, Selbstbestimmung.
- Vetrauen geben und loslassen können.
- Etwas geben.
- Wissen geben und Beziehung herstellen.
- Kinder Konsequenzen spüren lassen.

- Sie müssen auch etwas aushalten können.
- Und sie brauchen unsere Gefühle: Liebe, Mut machen, Vertrauen, Loben, Fürsorge...

Sollen Schule und Eltern sich zusammentun? Eine Kollegin meinte: "Auf gar keinen Fall." Ich war erst etwas erschrocken, dann sah ich aber ihren Gedankenansatz. Du bist als Kind umschlossen. Ständig in einem therapeutischen Bereich.

- Bei Erziehung denke ich immer an die Leitplanken auf der Autobahn. Sie helfen mir, in einem bestimmten Bereich zu bleiben. Und bei einem Geisterfahrer muss eingegriffen werden.

Das Wort Streiten muss man sehr genau ansehen. Es darf nichts mit Verletzungen zu tun haben.

Lieber philosophieren als streiten. Philosophieren kann man immer abbrechen.

Erziehen (aus dem Griechischen) heisst bilden, unterrichten, fördern, begleiten, aushalten, strafen, dressieren.

- Wenn wir nur noch Grenzen setzen, gehen wir an den Kindern vorbei. Sie brauchen auch Trost.

- Manchmal ist eine straffe Führung wichtig. Das hängt von der Situation ab.

Mathematiker haben herausgefunden: Freundlichkeit ist die beste Strategie.
Und warum sind die Kooperationsstrategien so erfolgreich?
1. Man begegnet sich immer mehr als ein Mal. Die zweite Begegnung muss positive Vorzeichen haben.
2. Konsequenz und langfristiges Denken.

Die Evolutionsstrategie kann nicht funktionieren:
Wer nur ans Fressen denkt stirbt aus, weil er bald nichts mehr zum Fressen hat.

Bei Erziehung wird oft nach dem Lustprinzip vorgegangen und ein fürchterlicher Eventzirkus veranstaltet. Ich bin ein Gegner dieses Überangebots. Im voraus weiss man bei neuen Tätigkeiten doch gar nicht, was einem Lust macht und was nicht. Oft kommt die Lust nämlich erst beim Tun.

Zumutbarkeit ist auch eine Form von Wertschätzung. Wenn ich daran denke, wie Lehrlinge früher ausgebildet wurden. Sie mussten stundenlang an einem Teil herumfeilen. Der Meister schickte sie immer wieder zurück. Die Arbeit war nicht gut. Sie mussten eine Durststrecke aushalten. Erst danach kam die wirklich Freude, der Stolz auf das Werk. Sie merkten, dass sie etwas geleistet hatten.

Wie kann man Leistung erbringen, wenn immer alles da ist?

Wir brauchen alle einander. Bei der Erziehung müssen Eltern, Lehrer, Ausbilder, Firmen... zusammenarbeiten.

Die "Dargebotene Hand" erhält häufig Anrufe von verzweifelten Eltern, die Kämpfe mit ihren 9jährigen Kindern ausfechten, wegen der falschen Turnschuhe.

Wir Eltern müssen uns stark machen, damit unsere Erziehung stark macht.

Die alten Griechen hatten den Leitgedanken vom "richtigen Mass":
Wann wird aus Sparsamkeit Geiz,
aus Grosszügigkeit Verschwendung,
aus Medikament Gift,
aus Zumutbarkeit mangelnde Fürsorge?
Alles kann kippen.

Wir Schweizer wählen als Mass gern das Mittelmass.

Schon in der Bibel steht: "Jedes Ding hat seine Zeit."

- Es gibt Rechte und Pflichten.

Uns stellt sich die zentrale Frage:

Sollen wir überhaupt erziehen?
Braucht es das?
Wir brauchen Erziehung als Humanisierungsprozess.

Tiere sind absolut instinktgesichert. Menschen nicht. Wir müssen deshalb die Kultur hinzunehmen.

Menschen sind erziehungsbedürftig und erziehungsfähig.

Wir müssen
1. Weltneulinge in die Welt einführen, damit sie überleben können und
2. nicht dabei stehen bleiben, sondern sie eine eigene Welt schaffen und dort hin ziehen lassen.

Gelungene Erziehung ist Selbsterziehung, das heisst, einen Menschen so weit erziehen, dass er sich von da an selbst erziehen kann.

Erziehung ist nicht Selbstzweck. Ich bin als Erzieher Vorbild aber nicht absoluter Selbstzweck.

Freiheit und Selbstbestimmung sind zwei wichtige Prinzipien der Erziehung, gleichzeitig aber auch ihr Fluch.

Erziehung ist auch immer mit Scheitern verbunden.

- Sind wir heute verweichlicht? Wurde ein Burn-out früher kaschiert?

Es ist heute nicht besser oder schlechter als früher. Es ist anders. Die Ansprüche haben sich verlagert.

Wenn in der Welt die Werte verloren gehen, muss ich sie in mir selbst finden.
Kostet es nicht immens viel Energie, dass ich immer wieder aushandeln muss, was gilt?
Wenn wir nicht zu einer diktatorischen Gesellschaft zurück wollen, müssen wir verhandeln.
Aber nicht ständig. Das kostet Energie!

Wir haben in unserer Gesellschaft den Verzicht eliminiert.
Der Nicht-Verzicht ist ein Beschleunigungsfaktor.
Entschleunigen kann ich nur durch Verzicht ? nicht durch Event-Nomadentum am Wochenende.

Aushalten gelingt durch ein soziales Beziehungsnetz.

Was früher zwangsläufig erlebt wurde (aus Not, man hatte keine Wahl),
muss heute mit viel Aufwand inszeniert werden.
Warum braucht es heute einen Waldkindergarten?
Früher musste man in den Wald, um Brennmaterial zu sammeln.

Menschen bilden Notgemeinschaften.
Es ist leichter, aus Not zusammen zu bleiben,
als 60 Jahre lang aus Liebe.

 

FAZIT
Wir haben die Wahrheit gesucht und nicht gefunden. Morgen suchen wir weiter.

GRUNDKONSENZ
Die allermeisten Leute bemühen sich, wollen das Beste und unterstützen einander.
Es geht um das Wohl des einzelnen Menschen, nicht um Parteiprogramme
.

 

Weitere Erziehungsbeiträge und -gedanken bitte per E-Mail an:
info(at)4family.ch

Der Autor:

Roland Neyerlin
Philosophische Praxis
Hirschmattstrasse 56
6003 Luzern

Tel: 041 210 30 57
E-Mail: philopraxis(at)bluewin.ch

Homepage: http://mypage.bluewin.ch/philopraxis

Erziehung ist Befreiungsarbeit

Liebe 4Family-Freunde. Wir hoffen, diese Gedanken haben euch dazu angeregt, euch selbst Gedanken zu machen und untereinander auszutauschen.

Wenn du noch etwas ? gut strukturiertes ? von Roli Neyerlin lesen möchtest, kannst du hier seinen Vortrag Erziehung ist Befreiungsarbeit vom 21. November 2006 aufrufen.