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Nationalrat Bruno Zuppiger mit 4Family Vizepräsidentin Margareta Hofmann

Wie nehmen Politiker Erkenntnisse der Wissenschaft auf? Sehen sie Wege, aufgezeigte Defizite durch politische Massnahmen auszugleichen? Wo braucht es Gesetze und wo gesunden Menschenverstand?

Kinder und Familie: Herausforderung und Chance

Am Donnerstag, 12. März 2009 um 19.30 Uhr fand auf Einladung des Vereins 4family.com im Uetlihof Zürich eine Podiumsdiskussion statt. Die Credit Suisse hatte die Räumlichkeiten freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Als die etwa 80 anwesenden Personen im wunderschönen Forum Platz genommen hatten, begrüsste die Präsidentin von 4family, Cornelia Gantner, die Gäste auf dem Podium sowie das Publikum. Das vorgegebene Thema des Abends lautete: "Kinder und Familie: Herausforderung und Chance"

Anschliessend stellte Margareta Hofmann, die als Moderatorin zielgerichtet und kompetent durch den Abend führte, die Teilnehmerin und die vier Teilnehmer der mit Spannung erwarteten Podiumsdiskussion vor.

  • Prof. Guy Bodenmann, Lehrstuhl klinische Psychologie der Uni Zürich
  • Dr. phil. Heidi Simoni, Leiterin Marie-Meierhofer-Institut für das Kind
  • Walter Donzé, Berner Nationalrat
  • Bruno Zuppiger, Zürcher Nationalrat
  • Rösli Zuppiger, Autorin

Selten genug sitzen Vertreter der Wissenschaft und der Politik im Zusammenhang mit wichtigen Themen rund um die Familie in ein und derselben Runde und diskutieren in konstruktiver Weise miteinander.

Die Moderatorin gab einen kurzen Ausblick auf den Abend. Von Seiten der Forschung sollten Fragen wie: "Wie steht das Kind in unserer Gesellschaft da?", "Wie stellt sich die die aktuelle Situation der Familie in der Schweiz dar"  und "In welchen Bereichen läuft es gut, wo braucht es neue Massnahmen und Förderung?" geklärt werden.

An die Adresse der Politik erging die Fragestellung: "Was läuft aktuell im Parlament in Sachen Familienförderung" und "Was erhofft sich die Politik von der Wissenschaft an Antworten und Erkenntnissen?"

Die Referate der Delegation der Wissenschaft

Heidi Simoni sprach in ihrem interessanten Referat einige brisante, lohnende Fragen an, z. B.: "Wie nehmen wir Erwachsene unsere Verantwortung gegenüber den Kindern wahr, und zwar im privaten, öffentlichen und staatlichen Bereich?"
Es folgen einige Kerngedanken:

  • So sei beispielsweise die Zeitspanne, in der üblicherweise Karriere gemacht werde, dieselbe, in welcher kleine Kinder intensive Beziehungen und (auch) Zeit bräuchten. 
  • Wie steht es mit der Chancengleichheit der Familie?
  • Die Forschung über Scheidungen zeigt, dass 2-3 Jahre nach dem zumeist schmerzlichen Schnitt für die meisten Beteiligten der Übergang bewältigt sei. In der Scheidungsphase selbst jedoch werde nach wie vor kaum auf die Bedürfnisse der Kinder eingegangen. Der Grund: Die Erwachsenen sind so sehr mit sich und der Situation beschäftigt, dass sie meinen, auf die Ideen und vielleicht sehr praktischen, hilfreichen Lösungsansätze der Kinder verzichten zu können.
  • Bildung ist ein lebenslanger Prozess, der nicht erst bei Schuleintritt erfolgt. Sich bilden bedeutet "sich ein Bild machen", also die Orientierung an Vorbildern.

Guy Bodenmann ging in seinem ebenfalls äusserst kompetenten Referat auf eines seiner Spezialgebiete ein, nämlich die Erforschung von Partnerschaftsstörungen und ihre Auswirkungen auf die Kinder. Unter anderem betonte er die Wichtigkeit der emotionalen Kommunikation sowie des stetigen Bemühens, gemeinsam mit Stresssituationen von aussen umzugehen (die so genannte dyadische Stressbewältigung). Bei Scheidungskindern betrage das entsprechend erhöhte Risiko einer eigenen Scheidung bis zu 400 Prozent!
Einer der Gründe, weshalb "nur" knapp die Hälfte der Paartherapien an seinem Institut erfolgreich seien, liege im bedauernswerten Umstand, dass viele Paare zu spät diese Hilfe in Anspruch nehmen. Nämlich dann, wenn oft schon zuviel kaputt gegangen sei.

Die Podiumsdiskussion

Nun war es an der Zeit, auf einzelne Inhalte der Referate und die eingangs von der Moderatorin gestellten Fragen einzugehen.
Es folgte eine angeregte Diskussion, durch welche die Moderatorin gekonnt führte.
Heidi Simoni gab dem Anliegen Ausdruck, dass Eltern unbedingt mehr Zeit verschafft werden müssen, um ihren Erziehungsaufgaben so nachkommen zu können, wie sie es möchten (Elternzeit). Guy Bodenmann erwähnte "Prävention" als äusserst wichtigen Baustein, um Familien besser zu fördern und auch zu schützen.
Sowohl Walter Donzé als auch Bruno Zuppiger gaben diesen Anliegen Raum, betonten aber gleichzeitig, dass dies nicht vom Staat alleine geleistet (und finanziert) werden könne. Die Lösung sei u. a. vermehrte nachbarschaftliche Hilfe (private Mittagstische) und die vermehrte Anerkennung der Erziehungsarbeit durch den Staat. Es wurde darüber debattiert, dass es den Staat viel koste, wenn das Gebilde "Familie" nicht funktioniere.
Einer der Erfolge von Familienpolitik sei die Erhöhung und Vereinheitlichung der Kinderzulagen per 1. Januar 2009. Auch die Besteuerung der Familie sei noch zu verbessern. Nicht nur die auswärtige Betreuung, sondern auch die selber geleistete Betreuungsarbeit könnte steuerlich abgegolten werden. Walter Donzé arbeitet an einem Vorstoss, der ein Kindergeld zur Absicht hat, beispielsweise einmal jährlich ausbezahlt.
Rösli Zuppiger, Buchautorin und  Ehefrau des anwesenden Nationalrats Bruno Zuppiger, forderte eine gewisse Beständigkeit ein; es sei wenig sinnvoll, wenn Väter beispielsweise zwei volle Monate zuhause blieben, um danach wieder jahrelang an kaum einem Abend zuhause sein.
Heidi Simoni betonte wiederholt, dass es ihrer Meinung nach verschiedene Säulen der Unterstützung brauche, um der real gelebten Vielfalt von Familien Rechnung tragen zu können. Eine Lösung nach Schema X gäbe es nicht. Auch wäre es schön, wenn wieder vermehrt betont würde, dass Kinder haben etwas Schönes ist!
Von Seiten der Politik war auch zu hören, dass alles, was freiwillig geschehe (Heirat, Scheidung, Kinder kriegen) auch möglichst selber getragen werden sollte.
Guy Bodenmann wiederum führte aus historischer Sicht aus, dass es viele der vermeintlich "modernen" Probleme/Widersprüche schon immer gegeben habe. Das einzige wirklich neue Phänomen unserer Ära sei die Wertlosigkeit und Instabilität unserer Zeit.
Aus seiner Forschung und Erfahrung sei abzuleiten, dass eine Berufstätigkeit der Mutter sich dann als gut und erfüllend darstelle, wenn folgende drei Bedingungen erfüllt seien:

  1. Freiwilligkeit
  2. vom Partner unterstützt
  3. prozentual dem Kind und der Situation angepasst.

Anschaulich und humorvoll belegte Guy Bodenmann mit selbst erlebten Beispielen, wie wichtig es sei, dass Eltern sich gegenseitig "updaten". Vor einiger Zeit habe er stundenlang versucht, sein Kleinkind zu beruhigen. Dieses Unterfangen wäre ihm bedeutend rascher und einfacher gelungen, hätte er bloss gewusst, dass Baby's Lieblings"nuscheli" (Tuch) neuerdings nicht mehr das grüne, sondern das blaue sei... Dieses einander auf dem Laufenden Halten benötige nun mal Zeit. Auch wichtige Dinge wie kontrollierter Medienkonsum der Kinder bedinge eine gewisse Präsenzzeit.
Bruno Zuppiger seinerseits betonte - aus eigener Erfahrung als mehrfacher Familienvater - dass der Fokus in der Schweizer Familienpolitik manchmal zu stark auf Kleinkinder gerichtet sei. Auch Teenager brauchen Zeit und gute Beziehungen.

Die ?dritte Runde?

Als die Diskussion für Fragen aus dem Publikum geöffnet wurden, fragte ein Zuschauer: "Was kann ich als Unternehmer tun, um Familien zu unterstützen und im Sinne einer Prävention zu wirken?" Die Frage hatte u. a. den Hintergrund, dass, wenn es einem Arbeitnehmer privat nicht gut läuft, er eine wesentlich geringere Leistung bringt und so auch enorme Kosten verursacht.
Darauf folgten diverse Vorschläge. Eine davon ist die Anstellung von Teilzeitkräften. Als Arbeitgeber stosse man aber auch klar an Grenzen, wenn beispielsweise jemand sehr oft der Arbeit fernbleibt, beispielsweise aufgrund Krankheiten der Kinder.
Auf eine andere Frage hin ermunterte Heidi Simoni die Leute, wieder vermehrt den Dialog zu suchen. Miteinander zu erleben, wie andere es machen mit den Kindern, mit der Erziehung und der Bewältigung des Alltages (erfahrene Verwandte, Nachbarn).

Leider blieb nicht mehr viel Zeit für Fragen, da ein Teil der illustren Gäste einen langen Heimweg vor sich hatte.

Margareta Hofmann dankte allen für ihr Kommen und überreichte ihnen einen selbstgebackenen Zopf sowie ein Glas Honig.

Nach einem kräftigen und herzlichen Applaus begaben sich die Anwesenden ins Foyer, wo bereits ein feiner Apéro bereitstand. Hier wurde rege von der Möglichkeit Gebrauch gemacht, sich auszutauschen und auch mit den genannten Persönlichkeiten persönlich in Kontakt zu treten.
Zudem stand ein Büchertisch mit interessanter Literatur zum Thema bereit.

So endete ein interessanter Abend, in dessen Verlauf viel über Zeit und Werte gesprochen und nachgedacht wurde.
Es war in der Tat eine Bereicherung, von derart kompetenten und erfahrenen Fachleuten zu hören, was aktuell in der Familienpolitik und -Forschung läuft und in welche Richtung die zukünftigen Bemühungen gehen könnten.

Bericht von Frédéric Nebel

für Downloads:

Fotos vom 12. März 2009

Buchtipps:

Beziehungskrisen erkennen, verstehen und bewältigen. Guy Bodenmann.

Stress und Partnerschaft. Gemeinsam den Alltag bewältigen. Guy Bodenmann

Chancengerechtigkeit im schweizerischen Bildungswesen. Maja Coradi Vellacott

Kinder gezielt fördern. So entwickeln sich Kinder spielend. Cornelia Nitsch und Gerald Hüther

Das Haus der kleinen Forscher. Spannende Experimente zum Selbermachen. Joachim Hecker

Kinder aus geschiedenen Ehen: Zwischen Trauma und Hoffnung: Wie Kinder und Eltern die Trennung erleben. Helmuth Figdor

Nestwärme für Kinder - Blutwurst für Herrn Bundesrat. Rösli Zuppiger