
Dem Beissen, Kratzen und Hauen der Kleinsten begegnen
Lic.phil. Anna von Ditfurth
Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Marie Meierhofer Institut für das Kind
3 Fragen werden beantwortet
Vor 120 zum grössten Teil weiblichen Zuhörern sprach Anna von Ditfurth am 31. Oktober 2008 in Zürich über Aggressionen bei Kleinkindern. Mit sehr viel Fachkompetenz, anschaulicher Vermittlung praktischer Erfahrungen und fein dosiertem Humor gab sie Antworten auf die folgenden 3 Fragen:
- Wie entwickelt sich entwicklungspsychologisch Aggression in den ersten 6 Lebensjahren?
- Was können Ursachen von aggressivem Verhalten sein?
- Wie können Eltern mit Situationen umgehen, in denen kleine Kinder beissen, hauen oder grob sind?
Die Referentin kam immer wieder darauf zurück, dass Aggression bei Kleinkindern nicht Böse ist. Es wird höchstens vom Erwachsenen als ?böse? wahrgenommen, weil er gerade eine negative Energiebilanz hat.
Aggression ist (nach dem Erziehungswissenschaftler Hans-Joachim Kornadt) ursprünglich
- Bewegungsdrang, Entdeckungslust und damit auch Entwicklungslust,
- eine angeborene Reaktion auf Frustration, mit dem Ziel die Frustration zu beseitigen,
- ein Mittel zur Zielerreichung, damit das Kind sich wieder wohler fühlt.
Aggression ist also kein Fehlverhalten bei Kleinkindern.
Es wurde im Laufe des Referats deutlich, dass es nicht darum geht das Kind zu ändern, sondern dass wir als Eltern/Erzieher unsere Haltung zur kleinkindlichen Aggression ändern müssen. Statt das aggressive Verhalten zu bekämpfen mit dem Gedanken: ?Jetzt muss ich etwas wegkriegen? müssen wir die Haltung einnehmen: ?Hier ist eine Situation, in der ich etwas bewirken kann.? Ich muss auf das Kind eingehen und ihm bei der Regulation von Gefühlen helfen.
In den ersten 12 Monaten braucht das Kind z. B. Unterstützung und Beruhigung durch die Eltern, um die Fähigkeit zu entwickeln, sich selbst zu beruhigen. Im folgenden Lebensjahr beginnt es zwischen ICH und DU zu unterscheiden, im dritten Lebensjahr entwickelt es mit unserer Hilfe fürsorgliches und einfühlsames Verhalten, und erst im Alter von 36 bis 60 Monaten gelingt es dem Kind, die Perspektive der Anderen zu erfassen.
Als Elternteil oder Erzieher müssen wir immer versuchen das Bedürfnis hinter dem Verhalten des Kindes zu erkennen. Und dabei müssen wir cool bleiben und sehen, was wir mit den eigenen Gefühlen machen. Denn Emotionalität zieht Kinder immer an.
Nach dem spannenden Referat, das mit viel Applaus belohnt wurde, ging Anna von Ditfurth noch gekonnt und souverän auf Fragen der Zuhörer ein. Alles in Allem war es wieder ein gelungener 4Family-Abend.
Kurzer Rückblick von Gert-Christian Südel
