• Pflegemutter Renate


Renate (43) am Telefon mit der heilpädagogischen Sonderschule. Ihr Pflegesohn Steven (12) benötigt nach den Sommerferien noch mehr Kleider. Steven kam im Alter von einem Jahr zur Pflegefamilie. Im Alter von 2 Jahren hatte er den ersten epileptischen Anfall. Lies hier über die Freuden und Leiden einer Pflegemutter?

4Family:Renate, wie erlebst du den Alltag mit deinem Sohn Sascha (18) und dem Pflegesohn Steven (12):
Renate: Sascha ist im 3. Lehrjahr als Forstwart. Gerade heute Morgen hat er beim Weggehen etwas vergessen. Ich rief ihn an und er sagte zu mir: ?Mutter, das ist halb so schlimm ? reg dich nicht auf?. Er nimmt es cooler als ich und schlägt sich gut durch, der Beruf gefällt ihm.
Steven war während der 5 Wochen Sommerferien bei uns zu Hause. Er braucht viel Bewegung, spielt gerne Fussball (im Garten ist ein grosses Trampolin zu sehen). Er ist gern in der Badi, macht vom Sprungbrett den Köpfeler und den Salto. Weil man nie weiss, wann er einen epileptischen Anfall hat, bin ich immer um ihn herum und beobachte ihn, besonders in der Badi. Er könnte schnell ertrinken. Beim Reiten könnte er vom Pferd fallen. Ich versuche immer da zu sein, aber ich muss ihn auch in Gottes Hand geben. Ich muss lernen, los zu lassen. Es tut mir so weh, wenn er einen Epi-Anfall alleine durchmachen muss. Seit er neu das Medikament Concerta (ähnlich wie Ritalin) nimmt, ist er weniger aggressiv, geht weniger auf andere los und kann in der Schule einen Moment sitzen. Täglich muss er weitere 6 Tabletten wegen der Epilepsie nehmen. Im Sommer geht es ihm immer besser, er ist gerne draussen und bewegt sich viel und gern. Jetzt hat gerade die Schule wieder begonnen. Er ist jetzt neu in einer Bubengruppe, nachdem ich mich dafür eingesetzt hatte. Er ist gut betreut mit Psychomotoriktherapie und anderen Massnahmen. Während 3 Nächten schläft er auch in der Sonderschule, das gibt mir Raum, um mich zu erholen.

4Family: Wie reagiert die Nachbarschaft auf Steven?
Renate: Man sieht Steven nicht an, dass er behindert ist. Im Alter von 2 Jahren fiel er in sich zusammen. Nach vielen medizinischen Abklärungen und endlosen Spitalaufenthalten wussten wir, dass Steven einen Hirnschaden hat mit epileptischen Anfällen. Als er grösser wurde, war ich bei seinen Wutanfällen überfordert, weil er aggressiv auf mich losging, auch mit schlimmen Wörtern. Ich konnte ihn nicht einmal in sein Zimmer schliessen ? er hätte alles zerschlagen. Er ist nicht mehr sich selber unter diesen Anfällen. Anschliessend weinten wir zusammen, er war sehr traurig und es tat ihm leid. Je nach Fähigkeiten reagieren die Nachbarinnen und die damalige Kindergärtnerin unterschiedlich auf ihn. Die einen können gut mit ihm umgehen, die anderen kritisieren mich massiv. Die Nachbarskinder rufen mich sofort, wenn er einen Anfall hat und am Boden liegt. (Seine Epi-Anfälle: Es beginnt mit Zuckungen während 3 - 5 Minuten, er schreit vor Schmerzen, dann werden die Augen starr, die Lippen blau, er legt sich auf den Boden. Er bleibt meistens bei Bewusstsein. Anschliessend ist er eine halbe Stunde gelähmt und hat heftige Kopfschmerzen - man muss ihn nach Hause tragen) Sie haben das gut gelernt. Aber das ist jetzt schon lange nicht mehr vorgekommen. Hätte ich das alles gewusst, als ich mich für ein Pflegekind meldete, hätte ich gesagt: ?Das schaffe ich nie.? Damals hatten wir uns gemeldet, weil unser Sohn Sascha Einzelkind geblieben wäre und mein Mann selber auch in einer Pflegefamilie aufgewachsen ist.

4Family: Wie läuft die Beziehung zu seinen leiblichen Eltern und zu seiner Pflegefamilie?
Renate: Sein leiblicher Vater hat noch nie nach ihm gefragt. Er wurde per Vaterschaftstest bestimmt und ist alimentenpflichtig. Mit der leiblichen Mutter haben wir gerade wieder einmal das begleitete Besuchsrecht beantragt. Sie bekommt also Begleitung, wenn sie Steven am Samstag abholt. Normalerweise kommt sie zu Besuch, wir schwatzen bei einem Kaffee am Tisch und Steven kommt ab und zu im Wohnzimmer vorbei während seinem Spiel. Sie ist immer wieder in der psychiatrischen Klinik. Sie hat uns auch schon gerichtlich eingeklagt. Wir wurden schon x-Mal überprüft als Pflegefamilie. Dann kriegten wir den Vorwurf: ?Ihr gebt zuviel Liebe. Ihr habt ihn zu fest gern.? Steven hat einen gesetzlichen Vormund. Der Mutter wurde das Obhutsrecht entzogen, als sie Steven bei uns wegnehmen wollte. Manchmal sagt sie aber auch zu mir: ?Ich bin euch dankbar. Danke, dass es dich gibt.?
Die Beziehung zu Sascha ist wie zu einem Bruder. Sie streiten bis aufs Läbige. Wenn etwas ist, halten sie zusammen. Wir haben nie einen Unterschied gemacht. Im Gegenteil ? wir haben Sascha eher vernachlässigt ? es passierte unbewusst, weil Steven alle Aufmerksamkeit brauchte. Sascha hat uns nie Vorwürfe gemacht. Sascha hat ein gutes Gotti (meine Schwester) die oft eingesprungen ist, wenn wir wieder mal im Spital waren. Zu meinem Mann hat Steven ein sehr gutes Verhältnis.
Wir haben für die Jungs ein Pferd gekauft. Als der Anspruch auf das  heilpädagogische Reiten nach 2 Jahren abgelaufen war, suchten wir nach einem Ersatz. Es ist eigentlich ein Therapiepferd. Seit Steven einen Epi-Anfall auf dem Pferd hatte, gibt er ihm die Schuld und reitet nicht mehr. Jetzt hat mein Mann sehr Freude an dem Rüby. Auch Sascha ritt eine Zeitlang. Steven tut es gut, das Pferd zu streicheln und zu putzen ? hoffentlich wird das wieder mit dem Reiten?.

4Family: wie sieht die Zukunft aus?
Renate: Die Pubertät kommt auf uns zu. Es besteht die Gefahr, dass Steven die Medikamente verweigern könnte. Er kann sich sehr querstellen, wenn er will. Kürzlich sagte er zu mir: ?Ich will diesen behinderten Kopf nicht mehr haben.? Ich hoffe, dass es in der Zukunft gelingt, eine geschützte Lehrstelle zu bekommen und dass Steven einmal in einer begleiteten Wohngemeinschaft leben kann. Wir werden nicht ewig für ihn da sein können.
Ich würde es wieder machen ? Steven zu uns nehmen als Pflegefamilie. Wir haben auch schöne Zeiten. Steven hat gute soziale Fähigkeiten, auf andere Behinderte einzugehen. Zu einem neuen, autistischen Knaben hat er bereits Zugang. Wenn es mir nicht gut geht, merkt er das und fühlt mit mir ? ich gebe ihm Kraft und er gibt mir Kraft ? es ist eine Verbundenheit. Ich muss für ihn da sein, das hilft mir auch mit meiner Multiplen Sklerose besser umzugehen.

Interview mit Renate von Margareta Hofmann

 

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