Alexandra und Alessandro

Alexandra (39), Hotelfachfrau mit Auslandserfahrung (Wallis, Schweiz) und allein erziehende Mutter von Alessandro (4) im Münsterland (D), arbeitet wöchentlich jeweils ein paar Stunden im Service, als Taxifahrerin und ist Stammesmutter im Online-Spiel "Die Stämme".

4Family: Sonst hört man von allein Erziehenden immer, dass sie völlig überlastet sind. Du hast nebenbei noch zwei Jobs und bist sehr aktiv in einem Online-Spiel. Wie schaffst du das?
Alexandra: Ich habe mich in den 3 Jahren meines Erziehungsurlaubs sehr intensiv um meinen Sohn gekümmert und habe die Zeit genossen, als Alessandro mein Chef war. Ich war kurz vor seiner Geburt von der Grossstadt nach Ahlen umgezogen, weil meine Mutter dort mit ihrem Partner lebt. Mit Oma und Opa in der direkten Nachbarschaft ? gleich um die Ecke ? ist Alles viel einfacher, weil dann auch Oma und Opa mal die Verantwortung ein paar Stunden übernehmen können. Besonders dann, wenn ich zur Arbeit gehe.

Erst als mein Sohn vor einem Jahr in den Kindergarten kam, habe ich mir wieder Arbeit gesucht. Meinen bisherigen Job in Düsseldorf musste ich natürlich kündigen. Und eine Vollzeitstelle kam auch nicht mehr in Frage. Ende letzten Jahres bekam ich Zeitarbeit in einem Online-Buchhandel. Dann wechselte ich zu einem Kneipen-Job, ebenfalls mit 2 Stunden am Tag im Service. Inzwischen habe ich meinen Taxischein gemacht, deshalb arbeite ich nur noch 4 Stunden die Woche im Service und fahre montags bis freitags jeweils 6 Stunden Taxi. Ich lege die Arbeitszeiten möglichst immer auf die Zeit, in der Alessandro im Kindergarten ist.

4Family: Und das Online-Spiel "Die Stämme"? Dort spielst du ja auf 5 verschiedenen Welten. Allein auf der Welt 16 hast du 60 virtuelle Dörfer und betreust im Stammesrat über 50 Spieler mit weit über 2000 Dörfern.
Alexandra: Ja, und einige Teenager sind sehr pflegeintensiv. Es ist zum Beispiel ein 15-Jähriger dabei; wenn er im Forum nach 2 Minuten keine Antwort von mir erhält, fragt er schon nach: "Hey, wo bist du? Bleib da! Nicht ausschalten."

Ich bin durch einen Bekannten zu dem Spiel gekommen. Er war bei mir zu Besuch, und wollte mal kurz an meinen PC, um "seine Dörfer zu pflegen". Er meinte dann: "Das musst du auch mal ausprobieren. Das macht Spass." Damit hat er mir vielleicht etwas eingebrockt! Das Game hat mich so gepackt, besonders die schnelle Version auf SDS 2, dass ich manchmal 14 Stunden vor dem PC gehockt und nur gespielt habe, bis ich Tränensäcke unter den Augen kriegte. Ich hab mich dann selbst gescholten: "Bin ich denn bescheuert? Wofür? Was habe ich davon?" Ich habe dann auf einigen Welten nur noch das Nötigste gemacht. Richtig aktiv spiele ich nur noch auf 2 Welten.

4Family: Bist du spielsüchtig geworden?
Alexandra: Ich würde mich nicht als süchtig bezeichnen, denn im Spiel geht es mir nicht um Macht über möglichst viele Dörfer, sondern um die Menschen, die sich am Spiel beteiligen. In meinem Stamm bei der sehr schnellen Version nehmen wir grundsätzlich keine Kinder und Jugendlichen auf, sondern nur Erwachsene. Dort sind jetzt 2 Männer und 6 Mädels, und es geht im Forum häufig zu wie auf dem Hühnerhof. Ich bin nur wegen der Jungs und Mädels noch dabei, nicht wegen des Spiels. Es ist eine tolle Truppe. Mir würde etwas fehlen, wenn ich keinen Kontakt mehr mit ihnen hätte.

Auf Welt 16 mache ich mir zu jedem meiner Stammesbrüder ein Bild, bilde mir eine Meinung, und habe dadurch eine sehr persönliche Beziehung zu ihnen. Mit vielen habe ich jeden Abend kurz Kontakt, zum Teil auch über Internettelefon.

4Family: Was ist für dich das Besondere an deinen Internet-Bekanntschaften?
Alexandra: Mit einigen Jungs und Mädels chatte ich zum Teil schon seit einem halben Jahr im Internet. Wenn man sich über das Internet kennen lernt, geht es nicht um das Aussehen sondern um die Persönlichkeit. Mit der Zeit lernt man die Leute im besser kennen und hat dann auch das Bedürfnis, sich einmal mit ihnen im RL (= Real Life = wirklichen Leben) zu treffen. Aber leider leben wir weit verstreut von der Nordsee bis nach Österreich.

4Family: Und wenn einer deiner Bekannten im wirklichen Leben eine völlig andere Persönlichkeit hat als im Spiel?
Alexandra: Wenn man sich als Erwachsene so intensiv mit einander austauscht, würde man es nach einiger Zeit merken, wenn das Umfeld schlecht ist.

4Family: Spielt dein Sohn auch am PC?
Alexandra: Nur ab und zu mit seinem Opa ein Lernspiel; zuhause nicht. Wir besuchen lieber mal zusammen den Zoo, erkunden eine Höhle, gehen in den Stadtpark, auf den Spielplatz, spielen zuhause mit Lego. Alessandro ist oft mit meiner Mutter und mir unterwegs. Wir sind sehr unternehmungslustig.

4Family: Fehlt euch der Vater manchmal?
Alexandra: Der leibliche Vater wollte nichts von seinem Kind wissen, deshalb habe ich ihn verabschiedet und seinen Namen auch nicht beim Amt angegeben. Ich hätte nie abtreiben können. Ich würde eher selbst nicht mehr leben. Ich hätte auch ein behindertes Kind zur Welt gebracht.

Alessandro hat bisher erst einmal gefragt, wo sein Papi wäre. Ich habe wahrheitsgemäss nur geantwortet, er würde im Ausland leben. Das hat Alessandro erst einmal als Information gereicht. Aber ich bin der Meinung, dass er ein Recht darauf hat zu erfahren, wo seine Wurzeln sind und wer sein Vater ist.

4Family: Kennt Alessandro das Herkunftsland seines Vaters?
Alexandra: Wir waren in den Ferien oft dort. Da hat er auch begonnen, die Sprache zu lernen. Ich wollte ihn deshalb zweisprachig erziehen, habe aber sehr schnell gemerkt, dass eine Person allein das nicht kann. Jetzt spreche ich nur noch deutsch mit ihm.

4Family: Hat dein Sohn denn eine männliche Bezugsperson?
Alexandra: Ja, den Opa! Die beiden sind wie Papier und Klebstoff. Der Opa bringt ihm natürlich auch einiges bei, was mir gar nicht so gefällt, z. B. dass ein richtiger Mann nur im Stehen Pinkeln würde. Ich streite mich deshalb aber nicht mit dem Opa und mache ihm auch keine Vorschriften. Alessandro hat schnell gelernt, dass er einiges nur bei den Grosseltern machen darf, zuhause aber nicht.

4Family: Kriegt dein Sohn genügend Vitamin N (= das Wörtchen Nein)?
Alexandra: Er kriegt es. Vielleicht nicht genügend, aber ich achte darauf, dass es Verbote gibt, die auch eingehalten werden müssen. Ich will schliesslich keinen kleinen Tyrannen. Wovon er aber auf jeden Fall genügend bekommt, das ist Körperkontakt. Ich knuddel unglaublich gern mit ihm.

4Family: Welchen Wert hat für dich die Familie?
Alexandra: Im Familienverbund kann man sich gegen negative Einflüsse gut zur Wehr setzen. Es gibt viel zu viele Scheidungen. Ehepartner sollten versuchen, an einander festzuhalten und nicht immer nach links und rechts zu gucken. Probleme von aussen sollten Partner zusammenschweissen. Manchmal würde ich gern mit einem Mann ausgehen oder ins Kino gehen. Wenn es klappt, hätte ich gern einen Partner für den Rest des Lebens. Aber so einfach ist das nicht.

Interview mit Alexandra von Gert-Christian Südel

 

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