Familie Wood

Ethan Wood, 40 Jahre alt, Produktentwickler, wurde von seiner Firma in Minnesota, USA, für ein paar Jahre in die Schweizer Filiale versetzt. Er wird 2 bis 5 Jahre in Zug verbringen, mit seiner Frau Stacie (38 Jahre, Kleinkinderzieherin), Sohn Tanner (10) und Tochter Lindsey (4).

4Family: Was ist die grösste Herausforderung für euch, hier in der Schweiz?
Ethan: Die deutsche Sprache. Ich hatte zwar an der Uni 2 Jahre Deutsch, aber das reicht nicht, um alle Schilder lesen zu können. Und wenn ich beim Einkaufen etwas gefragt werde, was nicht zu meinen Standardsätzen gehört, weiss ich auch nicht weiter.
Stacie: Und ich hatte nur Spanisch an der Highschool. Ich lerne jetzt zwar Deutsch, aber bis jetzt verstehe ich weder Hochdeutsch noch Dialekt; ich höre nicht einmal den Unterschied heraus.

4Family: Und wie sieht es bei den Kindern aus:
Ethan: Beide gehen zurzeit an die International School. Lindsey möchten wir nächstes Jahr jedoch an eine normale Schule schicken. Sie wird die Sprache sehr schnell lernen.
Tanner: Und ich werde sie noch schneller lernen, obwohl ich an der International School bleibe.

4Family: Was bedeutet noch eine Umstellung für euch?
Stacie: In den USA hatten wir 2 Autos, und wir brauchten sie auch. Hier in der Schweiz ist das öffentliche Verkehrsnetz sehr viel besser ausgebaut, die Geschäfte sind leichter erreichbar, viele Menschen gehen kurze Strecken zu Fuss. Und sie machen Spaziergänge mit der Familie. Das gefällt mir sehr. Eigenartig finde ich allerdings, dass so viele Menschen rauchen; sie bewegen sich an der frischen Luft ? und rauchen dabei.
Ungewohnt sind die kurzen Öffnungszeiten der Geschäfte. In den USA kann man praktisch Tag und Nacht einkaufen. Und es gibt hier viel weniger Auswahl, das finde ich allerdings gut, weil mich das Überangebot manchmal fast erschlagen hat. Schweizer bringen zum Einkaufen ihre eigenen Taschen mit, packen die Ware selbst ein und sind umweltbewusster. Ich sortiere jetzt auch die Abfälle und werfe sie brav in die verschiedenen Recycling-Container. Amerikaner würden das  nicht mitmachen; sie würden revoltieren.
In der Schweiz sind die Menschen bescheidener. Sie haben kleinere Häuser, kleinere Autos und nehmen nicht so hohe Kredite auf.
Ethan: Es ist ungewohnt für uns, dass hier vieles so viel kleiner ist als in Minnesota. In unserer Kirchengemeinde z. B. gab es 100 Kinder und 60 Jugendliche. Hier in unserer Luzerner Gemeinde haben die Kinder gerade den Gottesdienst gestaltet, und es waren nur 12 Kinder.

4Family: Und wo siehst du Unterschiede in Bezug auf das Familienleben?
Stacie: In der Schweiz bleiben mehr Mütter zuhause, wenn sie kleine Kinder haben. Sie gehen nicht zusätzlich noch arbeiten, sondern kümmern sich um die Kinder. Und der Sonntag ist der Familientag. Die Menschen sind hier nicht so religiös wie in den USA, aber der Sonntag ist traditionell ein besonderer Tag, der mit der Familie verbracht wird. Erstaunlich finde ich auch, dass 4-jährige Kinder hier schon allein zum Kindergarten gehen. Das wäre in den USA so, als wenn man ihnen ein Schild umhängen würde mit der Aufschrift: ?Komm, kidnappe mich!? Aber in der Schweiz ist es sehr sicher. Trotzdem beruhigt es mich, dass unsere beiden Kinder täglich vom Schulbus abgeholt werden und der Bus-Chauffeur alle 25 Schüler kennt.

4Family: Wie gehen die Kinder damit um, dass sie plötzlich in einer völlig anderen Kultur leben?
Ethan: Tanner hat Spass daran; er liebt das Abenteuer. Als wir ihm sagten, er müsse seine Freunde zurück lassen, meinte er: ?Dann such ich mir eben neue Freunde.? Er hat kürzlich auch seine Geburtstagsparty sehr genossen. Jeder seiner neuen Freunde kam aus einem anderen Land.
Stacie: Es ist eine grossartige Erfahrung für die Kinder, eine andere Kultur und andere Lebensformen kennen zu lernen. Es wird ihnen später im Leben helfen. Tanner war jetzt auch gerade eine Woche im Schullager ? eine ganze Woche von zuhause weg.

4Family: Stacie, du arbeitest nicht mehr, seit die Kinder da sind.
Stacie: Ja, und so lange wir in der Schweiz leben, werde ich auch zuhause bleiben. Lindsey braucht noch viel Zuwendung. Mein grösster Job ist zurzeit Deutsch zu lernen, um hier im Land zurecht zu kommen, die Kinder zu betreuen und den Haushalt zu managen.

4Family: Habt ihr einen speziellen Rat für andere Eltern?
Ethan: Nein, das haben wir nicht. Mit Tanner habe ich oft lange Autofahrten gemacht, ihm verschiedene Orte gezeigt und mit ihm geredet, ich habe mit ihm klassische Konzerte und Baseball-Spiele besucht; wir nehmen uns einfach sehr viel Zeit für die Kinder.

Interview mit Familie Wood von Gert-Christian Südel

 

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