Markus-Andreas Bamert

Markus-Andreas Bamert, 43 Jahre alt, Möbelschreiner aus Tuggen SZ. Er ist ledig und hat keine eigenen Kinder, aber im Quartier ist er der Spielplatz-Onkel - nicht nur für seine Nichte und seinen Neffen.

Interview

4Family: Andreas, wie kommt es, dass du dich so für Kinder einsetzt?
Andreas: Ich hatte immer schon den Wunsch nach einer eigenen Familie. Leider hat es bisher nicht geklappt. Und weil ich sehr kinderlieb bin, habe ich Freude an den Kindern aus meinem Umfeld. Ich lebe in einem sehr kinderfreundlichen Quartier, mit einem Spielplatz in einem autofreien Innenhof. Von meiner Parterre-Wohnung aus kann ich den Kindern beim Spielen zusehen. Oft gehe ich auch raus zu ihnen auf den Spielplatz.

4Family: Hast du keine Angst, von den Leuten für pädophil gehalten zu werden?
Andreas: Ich nicht, aber meine Mutter hatte diese Befürchtungen. Aber die Sorge ist unbegründet, denn ich bin kürzlich in mein Heimatdorf zurückgezogen. Die Leute kennen mich und die Eltern vertrauen mir. Je mehr Angst man davor hat, von Erwachsenen für pädophil gehalten zu werden, desto stärker fördert es die Unsicherheit bei den Erwachsenen und sie bauen Ängste auf. Ein gesundes Selbstvertrauen jedoch und auf andere Menschen zugehen zu können, fördert das Vertrauen. Ausserdem halte ich mich auch strikt an meine selbst aufgestellten Regeln, wie z. B. keine Kinder mit in meine Wohnung zu nehmen. Ich beschäftige mich mit ihnen nur in der Öffentlichkeit.

4Family: Welche Themen interessieren dich speziell?
Andreas: Ich beschäftige mich mit konkreten Fragen und gehe sie in meinem direkten Umfeld (regional) an. Ich habe viele Kontakte zu interessanten Projekten wie z. B. ?Kinder planen mit?, wo Kinder von Spielraumberatern in die Planung von Spielplätzen mit einbezogen werden. Dabei geht es nicht nur um die Spielgeräte selbst, sondern auch das Umfeld als Lern- und Erfahrungszone. Gerade bei Kleinkindern ist die ganze Persönlichkeitsentwicklung mit Bewegung verknüpft. Wenn kleine Kinder z. B. lernen zu balancieren, lernen sie auch mit Ängsten umzugehen.

4Family: Hast du regionalpolitisch schon etwas umsetzen können?
Andreas: Ja, meine Nichte und mein Neffe mussten auf ihrem Schulweg eine sehr belebte Kreuzung überqueren. Als ich zur Schule ging, hatte man schon darüber gesprochen, dass man etwas unternehmen müsste, weil die Kreuzung zu gefährlich wäre. Aber es ist nichts geschehen. Als ich nun innerhalb der Verwandtschaft wieder mit diesem Problem konfrontiert wurde, beschloss ich, etwas zu unternehmen. Die kleinen Kinder mussten nämlich alle vier Richtungen der Kreuzung im Auge haben, womit sie einfach überfordert waren. Ausserdem versperrten Gartenmauern den Blick für die Kinder. Sie sind eben kleiner als Erwachsene. Solche Details werden bei der Beurteilung einer möglichen Gefahrensituation meist überhaupt nicht berücksichtigt. Zu meiner Schulzeit war an dieser Kreuzung langfristig ein grosser Kreisel geplant worden. Deshalb hatte die Gemeinde schon Häuser gekauft, um sie später einmal abreissen zu können.

4Family: Warum wurde der grosse Kreisel nie gebaut?
Andreas: Weil es sich bei dieser belebten Strasse sowohl um eine Gemeinde- als auch um eine Kantons- und Bezirksstrasse handelt. Es gab natürlich ständig Diskussionen, aus welchem Budget wie viel Geld in den Umbau fliessen soll. Dann kommt noch hinzu, dass oft nur nach normierten Lösungen gesucht wird. Die Behörden planen in Zeiträumen von 5 bis 10 Jahren, und in der Zwischenzeit geschieht nichts. Als ich vor ca. 7 Jahren eine Anfrage an das Baudepartement richtete, erhielt ich einen negativen Bescheid; es würde sicher 5 bis 10 Jahre dauern, bis man das Kreisel-Projekt in Angriff nehmen könne. Ich habe mich dadurch aber nicht entmutigen lassen.

4Family: Hast du lange für die Umsetzung kämpfen müssen?
Andreas: Nein, denn ich habe nach einer alternativen Lösung gesucht, bei der zwei Aspekte berücksichtigt werden konnten ? was der Kanton will und was für die Kinder gut ist. Über die Beratungsstelle für Unfallverhütung (bfu) kam ich dann auf die Lösung: ein überfahrbarer Kleinkreisel. Die Fachleute waren erst skeptisch, willigten dann aber ein, das Vorhaben provisorisch umzusetzen und nach 5 Jahren wieder zu überprüfen. Keines der Probleme, die sie damals prophezeit haben, ist eingetroffen. Jetzt freuen sie sich darüber, dass es funktioniert. Mit wenig Aufwand habe ich viel erreicht; drei Briefe an das Baudepartement und den Gemeindepräsidenten. Das war alles. Es gibt eben immer einen richtigen Zeitpunkt.

4Family: Warum ist man bei den Behörden denn nicht auf eine solche Lösung gekommen?
Andreas:
Sie planen so, wie sie die letzten 20 Jahre geplant haben. Die bisherigen Umsetzungen hatten sich bewährt, die bekannten Methoden waren gut und richtig. Da haben sie gar nicht nach anderen Lösungen gesucht. Und es gibt keine Regeln darüber, wie man ein bewegungsfreundliches Umfeld plant. Deshalb wird zuerst immer abgewinkt, statt nach günstigen Lösungen zu suchen.

4Family: Hat dein Erfolg dir Mut gemacht, weitere Projekte anzugehen?
Andreas: Ja, ich habe mich in meinem Umfeld nach weiteren praktikablen Lösungen umgesehen; in anderen Gemeinden, im Internet usw. Eine gute Idee in eng bebauten Ortschaften ist z. B. die Kernfahrbahn. Da wird auf der Strasse die Mittellinie entfernt und dafür rechts und links ein Radstreifen angelegt. Es ändern sich nur die Striche auf der Strasse, sonst bleibt alles gleich. Aber die Autofahrer müssen vorsichtiger fahren, und sie kommen nicht mehr so dicht an die Fussgänger heran. Dadurch sind die Kinder besser geschützt.
Ein anderes Projekt von mir ist die Radwegplanung. Das Planungsbüro hat bei mir angefragt, ob ich ihnen meine Ideen mitteilen würde. Denn der Kanton hatte auf Grund des Richtplans den Auftrag, neue Radwege zu schaffen.
Inzwischen habe ich einen grossen Wissensschatz zu verschiedenen Themen, weiss wo ich nachlesen muss und habe viele Kontaktadressen gesammelt. Und ich habe herausgefunden, welche Argumente vorgeschoben werden, um möglichst das Problem in die Zukunft zu verschieben. Und ich weiss, wie ich dieser Argumentation begegnen kann und welche Ansprechpartner positiv reagieren.

4Family: Du hast viele und recht breit gestreute Interessen. Womit hast du dich noch beschäftigt?
Andreas: Als ich vor ein paar Jahren arbeitslos war und sehr viele unzufriedene Menschen getroffen habe, wollte ich etwas für mich tun, mich mit meinen Problemen auseinanderzusetzen. Damals habe ich ein Jahr lang eine Fortbildung gemacht; Konfliktlösung & Dialog. Es hat mir geholfen, konfliktfähiger und beziehungsfähiger zu werden. Ein Jahr später habe ich dann mit Körperarbeit begonnen: mit Tanz und dem Kurs Bewegungspädagogik. Du musst es einmal bei Kindern beobachten, die du kennst. Die ganze Persönlichkeitsentwicklung ist mit Bewegung verknüpft. Gerade bei Kleinkindern ist es gut zu sehen. Über den Tanz und die Atemarbeit bin ich dann zum Singen gekommen. Bei einer Aufführung hatte ich eine Sängerin gesehen, bin anschliessend spontan auf sie zugegangen und habe sie gefragt, ob sie Unterricht gibt. Seitdem nehme ich regelmässig Stunden bei ihr. Und ich beschäftige mich mit gewaltfreier Kommunikation (siehe Buchtipp oben rechts).

4Family: Ist es deine spontane Art, die bei Kindern so gut ankommt?
Andreas: Vielleicht liegt es daran, dass ich mit meiner spontanen Art den Kindern gegenüber sehr direkt und ehrlich bin. Und so wissen die Kinder ganz klar, woran sie an mir sind, und dass ich ihre Grenzen immer respektiere und auch meine klar setze. Sie erkennen, dass ich respektiert werden möchte, und auch ihnen mit Respekt begegne. Ich lebe es vor, wenn ich das Kind als Persönlichkeit respektiere, auch wenn ich einmal mit seiner Verhaltensweise nicht einverstanden bin.

Interview mit Markus-Andreas von Gert-Christian Südel

 

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Buchtipp:

Gewaltfreie Kommunikation. Eine Sprache des Lebens. Marshall B. Rosenberg