Markus-Andreas Bamert

Familie Stutz aus Niederweningen im Zürcher Unterland:

Tom , Anita, Sabrina (15) und Fabian (11)

Interview

4Family: Guten Tag Anita, Tom, Sabrina und Fabian. Es freut mich sehr, dass ich hier bei euch sein darf, um mit euch dieses Gespräch zu führen.
Ihr arbeitet in einer ziemlich ungewöhnlichen Branche: Ihr betreibt eine Crêperie und seid damit auf den Märkten und Festen der Schweiz unterwegs. Wie kam es dazu?

Anita: Nun, bis vor fünf Jahren waren wir beide in unseren angestammten Berufen tätig: Ich im Tourismus, Tom in der Autobranche.

Meine Mutter hatte einen Stoffladen, den sie aufgab. So kam es, dass wir an einen Weihnachtsmarkt gingen und Tischtücher verkauften. Da spürten wir, dass dies etwas für uns sein könnte: Der Umgang mit den Leuten und die ganze Atmosphäre.

4family: Kann man sagen, dass ihr im jeweiligen Beruf ausgelaugt wart, oder würdet ihr es eher als die Lust auf etwas Neues bezeichnen?

Anita: Ich war eigentlich gar nicht „ausgebrannt“, mir gefiel es gut in meinem Job.

Tom: Da war schon der so genannte „Alltags-Trott“, nach 17 Jahren in derselben Firma. Zudem überschritt ich gerade das Alter von 40 Jahren, was ja oft eine Zeit für Änderungen, für eine neue Phase sein kann… Ich war offen für etwas Neues, wusste aber nicht, was.
Im Jahr 2005 kam ein Kunde von mir, der seit 30 Jahren mit Knoblauchbrot auf den Märkten unterwegs war, und erzählte mir von einem Bekannten, welcher gesundheitshalber seine Crêperie abgeben musste. Wir überlegten uns dies gründlich und wussten mit der Zeit: Doch, das wäre etwas für uns.
Als wir es den Angehörigen und der Familie erzählten, wurden wir anfangs natürlich belächelt und „schief angeschaut“. Ich denke vorallem deshalb, weil wir im Begriff waren, sichere Jobs aufzugeben, gerade ein Haus gebaut und zwei relativ junge Kinder (sechs und zehn Jahre alt) hatten.
Wir liessen uns aber von diesen Bedenken nicht abhalten.

4family: Fabian, kannst du dich an diese Zeit erinnern?

Fabian: Ich habe eine Erinnerung daran, wie die zwei Wagen zum ersten Mal vor dem Haus standen. Und an die Zuckerwatte!
Heute arbeite ich auch gerne mal mit am Stand, bis jetzt vor allem bei den Hot Dogs.

4family : Und du Sabrina, hast du eine Erinnerung?

Sabrina: Nicht gross. Aber die Kolleginnen und Kollegen finden es jetzt ziemlich cool, dass meine Eltern das machen. So komme ich auch immer wieder an grosse Feste und Konzerte! Einige meiner Freunde würden auch mal gerne mithelfen am Stand.
Ich darf schon Crêpes drehen. Mein Bruder und ich bekommen nicht im klassischen Sinn Sackgeld, und so können wir uns etwas verdienen und besondere Wünsche erfüllen.

Tom: Uns ist wichtig, dass unsere Kinder lernen: Das Geld kommt nicht einfach aus dem Bancomat! Man muss dafür arbeiten.

4family : Anita, ihr seid ja auch Arbeitgeber, nicht wahr?

Anita: Ja, an den grossen Anlässen wie beispielsweise dem Weihnachtsmarkt in Bremgarten, der Euro 08 oder auch dem Madonna-Konzert sind es bis zu 18 Leute, welche mitarbeiten. Vorwiegend StudentInnen. Meine Schwiegermutter arbeitet ebenfalls sehr häufig mit.

4family : Was mir und auch diversen Bekannten, die euch kennen, an eurem Stand (und auch sonst) immer wieder auffällt: Eure Freundlichkeit und Herzlichkeit. Im grössten Stress bleibt Zeit für ein nettes Wort.

Tom: Nun, wir sind einfach, wie wir sind, und haben wirklich Freude am Umgang mit Menschen.

4family: Habt ihr den (doch auch mit einem gewissen Risiko verbundenen) Schritt jemals bereut?

Anita: Nein. Wobei ich sagen muss, dass mein Mann bedeutend häufiger unterwegs ist. Als wir mit dem Unternehmen starteten, kündigte ich meinen Job, der mich oft an Wochenenden in Anspruch nahm. Wir wollten nicht, dass unsere Kinder so oft bei anderen Leuten sein mussten. Das Familienleben ist uns sehr wichtig. So können wir es uns gut einteilen, dass immer mindestens einer von uns Zeit hat für die Kinder.

4family: Wie hat sich der berufliche Entscheid auf euer Familienleben ausgewirkt?

Tom: Nun, es gibt natürlich extrem strenge Phasen wie beispielsweise die Adventszeit. Da geht man morgens früh und kommt manchmal mitten in der Nacht nach Hause. Dafür gibt es dann auch wieder sehr ruhige Phasen, wie beispielsweise von Januar bis April. In dieser Zeit kann ich sehr viel Zeit mit meiner Frau und den Kindern verbringen, was ich enorm geniesse. Drei gemeinsame Mahlzeiten am Tag als Familie, das ist doch toll!

Sabrina: Naja, meistens…

Tom: Ich habe aber auch dann nicht einfach nur Freizeit. Es gilt zum Beispiel, mechanische Arbeiten auszuführen. Wir machen alles an Reparaturen, Umbauten, etc. selber. Letzten Sommer haben wir eine Hütte fertig gestellt (siehe Bild oben rechts). Auch der eine oder andere Anlass steht an.

Anita: Wenn wir unterwegs sind, haben wir auch immer wieder Ideen für neue Dekorationen. Wir sind Perfektionisten und basteln stundenlang an den Dekorationen. Ich bin meistens eher im Hintergrund tätig.

4family: Es scheint, dass diese Arbeitsweise für eure Paarbeziehung ein Gewinn ist?

Anita: Klar ist das schön. Man muss aber auch aufpassen, dass man sich nicht gegenseitig „auf den Wecker“ geht in diesen Phasen, während denen man so oft zusammen ist. Oder dass man gut plant, zum Beispiel, wer für die Zubereitung des Mittagessens zuständig ist. So kann es schon geschehen, dass ich nach einigen Wochen denke: Es ist gut, dass Tom jetzt dann bald wieder unterwegs sein wird… Doch alles in allem ist es toll so, wie es ist. Es hat uns als Ehepaar ganz sicher zusammengeschweisst. Wir empfinden es als Privileg, zusammen arbeiten zu können.

Tom: Die Ferien geniessen wir auch viel bewusster. Wir sagen uns: „Jetzt haben wir solch eine strenge Zeit hinter uns. Nun gehen wir in den Urlaub und geniessen einander“.
Und das tun wir dann auch. Auf dem einen Foto sieht man den gelben Bus, den wir umgebaut haben. Er ist praktisch, wenn auch relativ spartanisch eingerichtet; man kann darin schlafen und essen. Seither haben wir schon viele tolle Reisen und unvergessliche Momente erlebt.

Fabian: Ja, zum Beispiel die Reise nach Holland fand ich ganz genial.

"Was für ein herrlicher Tag:" Aufwachen im umgebauten Bus ...


4family: Eine vorerst letzte Frage zum Thema Crêpe: Wie oft gibt es bei euch privat diese Leckerei?
(alle lachen)

Anita: Praktisch nie… Höchstens ab und zu eine gewöhnliche Omelette, wie bei den meisten Leuten.

4family: Ich habe euch vor einigen Jahren als Primarlehrer eures Sohnes Fabian kennen gelernt. Wenn ich an diese Zeit zurück denke, fällt vor allem auf, wie spontan und hilfsbereit ihr immer seid. Was sind eure Beweggründe?

Anita: Zum einen ist es sicher unsere Art, spontan zu sein und nicht gross zu überlegen, ob es Sinn macht oder sich gar auszahlt… Darum geht es nicht, wir organisieren gerne, laden gerne ein. Wir sagen uns: Wenn man die Möglichkeit hat, etwas für die Kinder zu tun, soll man sie nutzen. Zum Beispiel hatte die Klasse von Sabrina kein Geld in der Klasse, wollte aber einen Tischfussballkasten mieten für ein Klassenlager. Wir haben uns entschlossen, der Klasse den Crêpestand zur Verfügung zu stellen. Dann haben wir alles aufgestellt und den Jungs und Mädchen gezeigt, was man tun muss. Alles Weitere haben sie selbst gemanagt und der Erlös floss vollumfänglich in ihr Projekt.
Wir sind dankbar, diese Möglichkeit zu haben.

Tom: Ich mache gerne mit bei konkreten, sinnvollen Projekten. Da scheue ich auch den Aufwand nicht. Die Mitarbeit in Kommissionen und Arbeitsgruppen hingegen ist gar nicht mein Ding. Endlose Diskussionen ohne Resultat würden mich viel zu sehr nerven; da packe ich viel lieber an!

4family: Kommen wir noch zum Thema Erziehung, ein wichtiges Thema bei unseren Lesern.
Wie würdet ihr euch selbst einstufen in Sachen Erziehungsstil?

Anita: Ich würde behaupten, dass ich konsequent bin bei Dingen, die mir wirklich wichtig sind (Anstand, Zuverlässigkeit). Andere Bereiche sind uns weniger wichtig und da gehen wir sicher eher „cool“ damit um.

Tom: Für mich ist es enorm wertvoll, einen guten Umgang zu haben in der Familie. Ich bin nicht der Typ, der sagt: „Ich bin der Vater, ich bringe das Geld heim, ihr müsst parieren, Punkt“…

4family: Also eher ein partnerschaftlicher Stil?

Tom: Ich weiss nicht. Ja doch, vielleicht könnte man das so bezeichnen. Wir sind eine Familie, möchten zusammen viele gute Erlebnisse und einfach Freude am Leben haben. Aber es gibt natürlich Grundwerte, die sind nicht verhandelbar. Für mich ist Ehrlichkeit ganz wichtig, und ich bin sehr glücklich darüber, wie aufrichtig unsere Kinder uns und anderen gegenüber sind. Was nicht heisst, dass sie sich immer wie Engel benehmen, doch sie sind letztendlich ehrlich und hintergehen uns nicht. Wenn doch mal was schief läuft, kommen sie oft von sich aus, um die Sache zu regeln.

4family: Was natürlich für die Eltern-Kind-Beziehung spricht.

Anita: Genau, und das macht es auch einfacher, relativ tolerant zu sein in Sachen Grenzen.

4family: Was meinen die Kinder dazu?
(Mutter Anita fragt ihre Kinder: Sollen wir dafür rausgehen…?)

Sabrina: Nein, nein, ist schon gut, bleib ruhig…Ich finde, wir haben viele Freiheiten. Da wir uns an die Regeln halten, habe ich auch nicht das Gefühl, ich müsse ständig die Grenzen ausloten und meine Eltern herausfordern.

4family: Wie erlebt ihr als Eltern die berühmt-berüchtigte Teenagerphase?

Anita: Ich finde sie bisher eigentlich nicht wahnsinnig anstrengend. Was manchmal schwierig ist: die Kommunikation. Man kommt nicht immer an sie heran, sie verschliessen sich zuweilen.

Tom: Manchmal – ja, sprechen wir es ruhig aus- „spinnen“ Teenager halt.

4family: Was ja ziemlich normal ist, wie man so hört…

Tom: Genau. Und der Sohnemann hier ist noch nicht wirklich ein Teenager. Einfach ein „Luusbueb“…
Ich bin der Meinung, wir dürfen wirklich sagen, dass wir gute Kinder haben. Kinder, die (meistens) wissen, was sich gehört, und einen Sinn für Recht und Unrecht haben.

4family: Gibt es etwas, was ihr den Leserinnen mit auf den Weg geben möchtet?

Tom: Das Wichtigste, das du einem Kind schenken kannst, ist ZEIT.

4family: Familie Stutz, ich bedanke mich sehr herzlich für eure Offenheit und auch eure Zeit. Es ist schön, die Freude und den Spass zu spüren, die ihr versprüht, wenn ihr zusammen seid und darüber sprecht.

4family wünscht euch weiterhin alles Gute als Familie.

Das Gespräch führte Frédéric Nebel

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