Familie Stuckert

Heike Gehlert-Stuckert (46), gelernte Physiotherapeutin, seit 1992 Heilpraktikerin für Psychotherapie und Helmut Stuckert (45), Seminarhausleiter und -koch betreuen gemeinsam ihre Kinder Johanna (6), Ben (4) und Paula (2). Sie wohnen in Bruchköbel (Grossraum Frankfurt a. M.).

4Family: Heike, du bist recht spät Mutter geworden.
Heike: Mit 30 war ich bereits einmal schwanger, habe das Kind jedoch verloren. Dann hat es 10 Jahre lang einfach nicht geklappt. Ich habe es in dieser Zeit mit Hormontherapie versucht, In-vitro-Fertilisation (künstliche Befruchtung) kam für uns nicht in Frage. Vor 6 Jahren wurde ich wegen einer Erkrankung medikamentös behandelt. In dieser Zeit dachte ich zum ersten Mal überhaupt nicht an eine Schwangerschaft, weil ich dachte, die Medikamente würden es sowieso verhindern. Und plötzlich war ich schwanger! Dass ich jetzt 3 Kinder bekommen habe, ist das Beste, was mir passieren konnte.

4Family: Helmut, und wie geht es dir mit den Kindern?
Helmut: Ich bin mit der Situation vollkommen überfordert. Wir sind beide selbstständig und 50% zuhause. Ich gehe von Freitag bis Sonntag aus dem Haus und bin von Montag bis Donnerstag Hausmann. Montags kommt zwar der Babysitter für 3 Stunden, aber am Dienstag und Donnerstag bin ich ganz allein mit den Kindern. Durch meinen Job muss ich ständig erreichbar sein. Häufig klingelt das Telefon, weil jemand ein Seminar reservieren möchte. Dadurch werde ich ständig gefordert, muss ständig präsent sein und habe überhaupt keine Zeit für mich selbst. Es gibt keinen Übergang zwischen Beruf und Familie, weil ich an beiden Orten Menschen versorge.
Heike: Wir machen sehr viel parallel. Wenn wir bei der Hausarbeit sind oder uns um die Kinder kümmern, klingelt immer wieder das Telefon für Reservierungen und Terminvereinbarungen. Die Gleichzeitigkeit von Familie und Beruf macht es so schwierig. Man muss den ganzen Tag erreichbar sein. Der Vorteil ist, dass wir andere Termine wahrnehmen können und in der Woche zum Friseur oder Arzt gehen können. Aber wir haben keinen Tag, an dem so etwas wie Sonntagsgemütlichkeit entsteht. Wir haben keinen Familientag, an dem wir nur ganz für uns sein können.
Helmut: Trotzdem habe ich natürlich viel Freude an den Kindern. Sie sind erfrischend, herzlich, ehrlich, und ich liebe sie über alles.

4Family: Kannst du dich auch einmal einem Kind allein widmen?
Helmut: Ja, wenn die beiden grösseren im Kindergarten sind, bin ich mit Paula allein. Und wenn Ben Mittagsschlaf macht, unternehme ich etwas mit Johanna.

4Family: Und sprichst du mit ihr auch über ihre grossen und kleinen Sorgen?
Helmut: Das ist eher Sache der Mutter.
Heike: Abends, wenn die Kinder im Bett liegen, spreche ich mit ihnen darüber, was am Tag gut oder schlecht war. Oder wenn eins der Kinder am Tage einmal traurig geguckt hat und ich nicht gleich reagieren konnte, dann spreche ich es am Abend an und frage nach.
Am Tage erzählen sie meist so nebenbei, wenn z. B. ein Kind im Kindergarten unfreundlich war. Aber sie leben scheinbar in einer so behüteten Welt, dass keine ernsthaften Probleme entstehen.
Ich achte auch darauf, was im Kindergarten entsteht ? in welcher Atmosphäre sie sich aufhalten.

4Family: Wolltet ihr immer schon Kinder haben.
Heike: Mit 15 wusste ich schon, dass ich Kinder will. Deshalb habe ich nach dem Gymnasium auch nicht studiert. In meiner Klasse war eine Mitschülerin, die die Zukunft sehr negativ gesehen hat und meinte, es wäre unverantwortlich, Kinder in die Welt zu setzen. Damals habe ich mit meiner Oma darüber philosophiert. Sie meinte: ?Was soll denn das? Wir haben unsere Kinder im Krieg gekriegt. Es geht immer weiter:? Auch mein Vater meinte später, dass der Kinderwunsch nicht von der finanziellen Lage abhängig gemacht werden darf. Entscheidend wäre der Kinderwunsch. Alles andere würde sich dann schon ergeben.
Ich denke, nicht nur Mann und Frau allein entscheiden. Es gibt noch eine dritte Instanz, die Seele des Kindes, die entscheidet ob sie kommen will, die sagt: ?Jetzt ist der richtige Zeitpunkt.?
Helmut: Bis 35 wollte ich definitiv keine Kinder. Auch meine damalige Partnerin nicht. Ich ging damals mit einem Freund zum Arzt, weil wir uns sterilisieren lassen wollten. Nach einem Vorgespräch wurde uns 9 Tage Bedenkzeit eingeräumt. In dieser Zeit vollzog sich in mir der Wandel. Auslöser war der Gedanke an die Endgültigkeit. Und plötzlich wurde der Kinderwunsch in mir stark. Ich nahm, den Termin also nicht wahr. Dieser Wandel führte mit der Zeit auch zur Trennung von meiner damaligen Partnerin. Mit Heike bin ich jetzt 9 Jahre zusammen und 7 Jahre verheiratet.

4Family: Was ist dein grösster Wunsch?
Helmut: Einmal länger als 2 bis 3 Stunden allein zuhause sein zu können. Ein bis zwei Tage ganz für mich, das wäre ein Traum.

4Family: Und wie sieht es mit Urlaub (Ferien) aus?
Helmut: Wir machen jedes Jahr 2 Mal eine Woche lang mit der ganzen Familie Urlaub. Jetzt im Frühjahr haben wir zum ersten Mal Cluburlaub gemacht. Aber die Kinderbetreuung war nicht so gut. Mal abgesehen von 3 Stunden Betreuung hatten wir sie dann doch wieder die ganze Zeit. Aber irgendwie erholt man sich dann doch.
Heike: Wir fahren in den Ferien meistens in ein Ferienhaus am Meer. Das gefällt den Kindern auch besonders gut.

4Family: Kennt ihr andere Eltern, mit denen ihr gemeinsam verreisen und abwechselnd Kinder hüten könnt?
Heike: Dadurch dass die Kinder erst so spät gekommen sind, sind wir mit Eltern mit kleinen Kindern nicht so gut vernetzt. Und dadurch dass Helmut am Wochenende nie zuhause ist, ist es schwierig Freundschaften zu schliessen bzw. zu pflegen. Aber ich versuche ein soziales Netz zu halten.

4Family: Wie sehen eure Zukunftspläne aus?
Heike: Da es noch sehr lange dauert, bis wir die Kinder abends auch einmal allein lassen können, beschäftigen mich jetzt eher Fragen wie: ?Wie krieg ich Betreuung für die Kinder, damit ich mal ein Wochenend-Seminar geben kann?? Und jetzt, wo ich nachts wieder durchschlafen kann: ?Wie durchbreche ich den Trott und öffne mich, indem ich wieder einmal Freunde zu mir nachhause einlade??

4Family: Und trotzdem hast du jetzt noch eine weitere Ausbildung in Angriff genommen.
Heike: Ja, es bestand das Bedürfnis, noch etwas Neues hinzu zu nehmen. Auslöser war unsere familiäre Situation. Denn ich habe sehr darunter gelitten, dass es Helmut nicht gut ging. Deshalb suchte ich mir in meiner Umgebung eine Therapeutin und gelangte an Hina Fruh, die nach der Tipping-Methode (siehe Link oben rechts) arbeitet. Als Klientin fand ich die Methode gut, bei der es hauptsächlich um Vergebung geht. Neben praktischen Übungen, in denen man Schritt für Schritt dahin geführt wird, einem anderen oder sich selbst zu vergeben, gibt es auch sehr wohltuende Rituale. Ich dachte: ?Das möchte ich meinen Klienten auch gönnen.?

4Family: Nutzt dein Mann diese Methode auch?
Heike: Ich empfehle gar nichts im privaten Kreis. Er liest zurzeit auch gar nichts, sonst hätte er vielleicht schon einmal das Buch Ich vergebe in die Hand genommen. Aber Helmut merkt, dass Tipping mir gut tut.

4Family: Was möchtet ihr anderen Eltern noch mitteilen?
Heike: Ich habe so lange auf die Kinder gewartet und habe sie dann als riesiges Geschenk empfangen. Bei aller Anstrengung und allem Verzicht möchte ich mit niemandem tauschen. Die Zeit ist so kurz, in der die Kinder so klein, ehrlich und unverstellt sind und in der man mit ihnen kuscheln kann. Sie leben so den Augenblick und können so leicht vergeben. Die Kinder sind das grösste Geschenk und zugleich die grösste Herausforderung für mich. Es ist extrem. Sie bringen mich in meine schlimmste Wut und in totale Liebesfähigkeit. Meine Kinder sind meine grössten Lehrer.
Helmut:
Ja, für mich sind sie auch gleichzeitig das grösste Geschenk und die grösste Herausforderung.
Heike: Und meine Botschaft an die Kinder lautet: ?Ihr seid total willkommen!?

Interview mit Familie Stuckert von Gert-Christian Südel

 

Alle bisherigen Interviews des Monats findest du im Interview-Archiv.  

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Tipping-Methode:

Die deutschsprachige Tipping Website.

Das Buch Ich vergebe wurde 4Family Buch des Jahres 2008!