Sabine mit Nina und Steffi

Sabine Rohrer (33, Betriebsdisponentin) ist Zwillingsmami von Nina & Steffi (Jahrgang 2007) und Ehefrau von Roger (33, Betriebsmechaniker). Die Familie lebt in Alpnach Dorf, Kanton Obwalden.

Sabine hat ihre Arbeit bei der Bahn aufgegeben, um ganz für die Kinder da sein zu können.

Interview

4Family: Die Zwillinge sind deine ersten Kinder. Wie hast du die vorgeburtliche Zeit erlebt?
Sabine: Aus meinem Umfeld kamen viele Angst machende Kommentare wie: ?Was, Zwillinge? Da kommt aber Arbeit auf dich zu.? Nach einiger Zeit war ich fix und fertig und habe gedacht, ich schaffe es nicht. Und dann waren die Zwillinge da, und mein Mann und ich haben gemerkt, so schlimm ist es doch gar nicht.

4Family: Wie war die Zeit kurz nach der Geburt?
Sabine: Die Kinder kamen 2 Monate zu früh und mussten 5 Wochen im Kinderspital bleiben, weil sie erst 1'702 Gramm wogen. Ich war damals jeden Tag 8 bis 9 Stunden bei ihnen und habe Känguru gespielt, indem ich die Kleinen rechts und links auf meine Schultern gelegt habe, um ihnen Wärme und Nähe zu geben. Ich habe sie 4 Monate lang gestillt, aber von Anfang an abgepumpt ? alle 4 Stunden 120 ml. Zu Anfang habe ich ihnen die Brust gegeben. Aber da die eine Tochter eine gute Trinkerin war und die andere eine Träumtante, habe ich bald auf Fläschchen umgestellt, damit beide genug zu trinken bekommen.

4Family: Wie war es für dich, abends allein nachhause zu gehen?
Sabine: Zuhause habe ich die Last gespürt. Eingerichtetes Kinderzimmer und keine Kinder da. Und ich war physisch und psychisch KO am Abend, aber in Gedanken immer noch bei den Kindern.

4Family: Was hat dir damals geholfen?
Sabine: Mein Mann natürlich und Freundschaft mit anderen Zwillingseltern. Nach der Geburt habe ich erst keinen Besuch gewollt. Denn ich konnte nicht sagen: ?Wenn ihr kommt, bringt etwas mit, kauft auf dem Weg etwas ein, oder kocht bei mir das Essen. Ich kannte es nicht, Hilfe anzunehmen. Aber meine Eltern und Schwiegereltern sind morgens oft gekommen und haben mit den Kindern einen Spaziergang gemacht, damit ich noch etwas schlafen konnte. Diese praktische Hilfe hat wirklich gut getan. Dann habe ich mich mit der Zeit daran gewöhnt Hilfe anzunehmen.
Hilfreich war auch die deutsche Zeitschrift Zwillinge, ein Buch über Zwillinge (siehe Buchtipp oben rechts), Tipps von anderen Zwillingsmüttern, dadurch habe ich dann wieder eigene Ideen entwickelt, und der Austausch mit anderen Zwillingsmüttern.

4Family: Welche praktischen Tipps waren hilfreich?
Sabine: Ein Tipp war z. B., ein Tuch unter die Kinderstühle zu legen, das man nach dem Essen nur ausschüttelt und alle 2 Tage wäscht. Dadurch spare ich mir viel Zeit beim Putzen.

4Family: Und welche Idee hast du neu entwickelt?
Sabine: Ich habe auf alle Schranktüren, die die Kinder öffnen dürfen, einen roten Punkt geklebt. Dadurch weiss auch mein Mann, was sie ausräumen dürfen und was nicht. Fremde Kinder, die zu Besuch kommen, lernen es auch sehr schnell, und ich kann mit meinen Kindern unbesorgt Besuche machen. In fremden Wohnungen gibt es keine Schranktüren mit roten Punkten, also gehen sie nicht an die Schränke.

4Family: Du hast kurz vor der Geburt aufgehört zuarbeiten.
Sabine: Ja, denn ich möchte ganz für die beiden Mädchen da sein. Ich kenne viele Mütter, die wieder arbeiten gehen. Das könnte ich nicht. Ich bin eher die Ausnahme. Aber mir ist die Zeit mit den Kindern wichtig, solange sie noch klein sind. Es ist eine grosse Aufgabe, die aber auch grosse Freude bringt. Es ist nicht streng, Zwillingsmutter zu sein. Allerdings geniesse ich es auch, wenn die eine mal längerr schläft und ich mit der anderen allein bin. Dann schmusen wir ganz in Ruhe mit einander. Und es ist eine Erleichterung, dass ich nicht immer mit einem Ohr bei der anderen sein muss, sondern mich ganz auf ein Kind konzentrieren kann.

4Family: Und ausserdem engagierst du dich noch in einem Verein.
Sabine: Ich habe den Zwillings Eltern Club Obwalden übernommen, um werdenden Müttern die Angst vor der Zeit mit Zwillingen zu nehmen. Er hat ca. 40 Mitglieder. Es ist so wichtig, dass Zwillingseltern sich austauschen können. Mir hat es vor 1 ½ Jahren auch enorm geholfen. Wir suchen jetzt noch Sponsoren, damit wir Vorträge, Diskussionsrunden oder gemütliche Treffen organisieren können.

4Family: Hast du denn noch Zeit für deinen Mann?
Sabine: Ja, sicher. Alle zwei Wochen schlafen die Kinder bei den Grosseltern, damit wir als Ehepaar etwas unternehmen können ? ins Kino oder Essen gehen oder Freunde besuchen. Und ab 20.00 Uhr habe ich Feierabend. Dann wird nicht mehr gebügelt und abgewaschen usw. Ich musste es erst lernen, Sachen einfach liegen zu lassen. Aber je älter die Kinder werden, desto weniger Arbeit bleibt liegen. Denn die beiden Mädchen helfen mir dabei. Wenn ich Staub sauge, holen sie auch ihre kleinen Staubsauger und machen die Arbeit mit mir zusammen. Der Vorteil bei Zwillingskindern ist, dass sie sehr viel mit einander spielen und nicht völlig auf mich fixiert sind. Manchmal merke ich, dass ich mehr Zeit für mich habe als meine Freundin, die nur ein Kind hat.

4Family: Was gibt es sonst noch für Unterschiede zwischen Müttern mit einem und mehreren Kindern?
Sabine: Ich kann nicht bei jedem Problem ein Riesentheater machen, ich muss rationeller handeln. Mütter von Einzelkindern investieren wahnsinnig viel Zeit mit Trösten, wenn ihr Kind weint. Das geht bei mir nicht, weil meistens beide heulen. Und wenn sie sich streiten, lasse ich sie einfach. Sie lernen viel daraus. Viele Mütter opfern auch viel Zeit, wenn ihre Kinder nicht einschlafen können. Sie streicheln sie dann so lange, bis sie einschlafen. Das geht bei zwei Kindern auch nicht ? mittags und abends Probleme mit zwei Kindern, die nicht schlafen wollen. Ausserdem brauche ich auch Zeit für mich und meinen Mann. Ich habe sehr früh damit begonnen, die Kinder sehr strukturiert in den Alltag einzuführen. Wir haben abendliche Rituale, sprechen ein Gebet, dann gehe ich raus, Tür zu, Ruhe. Wenn die Kinder von klein auf an gewohnt sind, allein einzuschlafen, kommen sie gar nicht auf die Idee, Probleme zu machen. Viele Probleme, die bei Ein-Kind-Eltern durch das ?Bekümmern? entstehen haben wir nicht, weil wir nicht die Zeit dafür haben. Krankheit ist natürlich ein Ausnahmezustand. Wenn eine meiner Töchter krank ist, bleibe ich schon noch an ihrem Bett, streichle und tröste sie. Ich nehme sie jedoch nicht mehr hoch. Ein gewisses Mass an Konsequenz ist nötig.

4Family: Haben deine Kinder eine Geheimsprache entwickelt?
Sabine: Nein, zum Glück nicht. Bei vielen Zwillingen beginnt es bereits mit 1 ½ Jahren, wenn sie zu sprechen beginnen und hält bis zur Einschulung an. Das gibt sich mit der Schulzeit dann zwar sehr schnell, und sie holen ihren Sprachrückstand auch auf, aber für die Mutter und weitere Familienangehörige ist es schwierig, von der Konversation ausgeschlossen zu werden.
Ich spreche übrigens am Tage Hochdeutsch mit meinen Kindern, abends, wenn mein Mann da ist, reden wir Dialekt. Ich bin als Tochter von deutschen Eltern in der Schweiz geboren und aufgewachsen und hatte es in der Schule sehr viel leichter, dadurch dass ich ?zweisprachig? aufgewachsen bin. Grammatik war gar kein Problem für mich. Das möchte ich meinen Töchtern auch ermöglichen.

4Family: Was ist schwierig bei zwei Kindern?
Sabine: Spazieren gehen! Steffi dreht auf dem Weg jeden Stein drei Mal um und Nina springt voraus. An Autostrassen ist das zu gefährlich. Deshalb nehme ich die beiden an der Strasse jetzt an die Leine. Dadurch ernte ich sehr viel Kritik und Unverständnis von Leuten, die nicht wissen, wie es mit zwei gleichaltrigen Kindern mit unterschiedlichen Temperamenten ist. Manchmal muss ich mir blöde Sprüche anhören, ob ich zwei Hündchen hätte.

4Family: Hast du auch Zeit für dich allein?
Sabine: Meine Schwiegermutter kommt ein Mal die Woche nachmittags und kümmert sich um die Kinder. Dann habe ich Zeit zum Nähen, Malen, mit Freundinnen einen Kaffe zu trinken? Dinge die mir Freude bereiten und nicht Arbeit bedeuten. Der Ausgleich ist wichtig.

4Family: Was möchtest du werdenden Zwillingsmüttern sagen?
Sabine: Zwillinge bedeuten doppelt so viel Hunger, doppelt so viel Geschrei und doppelt so viele Windeln, aber auch doppelt so viel Freude! Lasst euch keine Angst machen, tauscht euch mit anderen Zwillingseltern aus und geniesst täglich aufs Neue das Besondere, Mami von Zwillingen zu sein.

Interview mit Sabine von Gert-Christian Südel

 

Alle bisherigen Interviews des Monats findest du im Interview-Archiv.  

Möchtest du deine Familie gern bei 4Family vorstellen? Dann sende ein E-Mail an die folgende Adresse:
info(at)4family.ch

Zwillings-Website:

Zwillings Eltern Club Obwalden