Trauerarbeit nach Verlusterlebnissen

Trauerarbeit

Alle Veränderungen im Leben ergeben sich aus einem Verlust.

Der Begriff Trauer wird dann verwendet, wenn ein Verlusterlebnis vorausgesetzt werden kann. Der Tod wird dabei oft mit Trauer gleichgesetzt, wobei die Spielarten des Verlustes mannigfaltig sein können.


Verlust ist vielleicht das einzige Beständige in unserem Leben – von Geburt an:

  1. ein Baby muss den Schutz des Mutterleibes verlassen.
  2. Es wird entwöhnt
  3. Ein Kind verliert seine Milchzähne, seine Freunde, seine Unschuld
  4. Erwachsene müssen damit rechnen das Zuhause, Eltern den Geliebten und Freunde zu verlieren
  5. Wir können unsere Arbeitsstelle, unsere Rolle, unseren Lebensstil, die Unabhängigkeit und unser Selbst verlieren.
  6. Wir können unsere Hoffnungen verlieren.
  7. Verlust von Jungend, Unschuld, Sexualität
  8. Tod
  9. Tod einer Beziehung: Scheidung, Trennung

Alle Veränderungen im Leben ergeben sich aus einem Verlust. Selbst das, was wir als Gewinn sehen, geht mit einem Verlust einher: Wenn man sich verliebt, gibt man einen Teil des eigenen Selbst auf für den Geliebten; die Geburt eines Babys spaltet einen für immer, denn von nun an atmet man und trägt Verantwortung für zwei. Doch bringt jeder Verlust auch Gewinn: neue Horizonte, neue Perspektiven, einen neuen Mittelpunkt, neue Kraft. Jeder Verlust des Selbst birgt die Möglichkeit in sich, einen Riesenschritt nach Vorn zu tun, einen kreativer Sprung in Richtung eines neuen Selbst – das andere vielleicht kaum erkennen. Doch der Kern kann glänzend und neu sein, wenn er Schicksalsschläge und den scheinbaren Sieg des Todes überwindet.

Wenn die Möglichkeit der Entwicklung ins Positive gegeben ist, so können sie auch ins Negative gehen. Veränderungen bedrohen somit zugleich unsere Stabilität. Verlust untergräbt in einem ersten Moment unseren Halt. So brauch jede Veränderung die Gewöhnung an den Verlust, erfordert Trauer. Bei manchen dauert die Anpassung nicht sehr lange, bei anderen scheint es eine Ewigkeit in Anspruch zu nehmen und ist Hölle auf Erden. Man kann die Zeit nicht zurückdrehen, man kann nur weitergehen, hinkend, stolpernd, verwundet, stolz, fröhlich – je nachdem.

Wichtig ist das Bewusstein, dass jeder verschiedene Phasen der Trauer durchläuft. Elisabeth Kübler Ross hat bei der Beobachtung von Todkranken folgende Kategorisierung der Trauerphasen vorgenommen:

1. Schock: Betäubt, Schmerzen
2. Leugnen: Das Bewusstsein braucht Zeit, um Veränderungen aufzunehmen
(Aussagen wie: "Das darf doch nicht wahr sein." "Das gibt es doch nicht.")
3. Wut: Richtig eingesetzt und gelenkt kann sie die Energie liefern, die für eine Veränderung der Situation oder der Erwartungen notwendig ist. Diese Phase von Wut und Feindseligkeit kann der Seele eine gewisse Härte geben im positiven Sinn.
4. Verhandeln: Der Versuch durch "gutes" Benehmen, Sühneleistung oder anderes das Schicksal günstig zustimmen (bei Tod überspringt man diese Phase eher, weil der Verlust so endgültig ist.)
5. Depression: Ausgelöst wird diese durch die mangelnde Kontrolle, die sich aus dem Verlust ergibt. Das Gefühl, das eigene Leben gleitet einem aus der Hand.
6. Akzeptieren: Sich in die Situation ergeben; Re-integration; ist oft nicht endgültig; der Friede muss in einigen Fällen oft wieder neu ausgehandelt werden.

Diese Phasen der Trauer gelten grob gesagt bei aller Trauerarbeit mehr oder weniger intensiv, was von der selbst erlebten Grösse des Verlustes abhängt. Dabei ist es möglich, in frühere Phasen der Trauerbewältigung zurück zu fallen. Das Durchlaufen der Phasen geschieht nicht einfach geradlinig. Wichtig ist, dass man nicht versucht, die Trauer zu umgehen. Es ist wie bei einem Muskelkrampf: Man darf nicht gegen den Schmerz ankämpfen, man muss sich ihm selber stellen und ihn durchmachen.

Wir brauchen Courage, um durch das Tal der Schatten zu gehen, durch die Unterwelt, wo das Selbst sich wieder finden muss, um weiterzuleben. Wir müssen aus der Möglichkeit der freien Wahl unsere Perspektiven ändern und unseren Überlebenswillen stärken. Wir müssen uns für das Leben, für die Heilung entscheiden – bewusst entscheiden.

So steht am Ende des Trauerprozesses, als Endprodukt des Ganzen das Selbst. Wir müssen also lernen, mit offenen Händen zu lieben, sodass der Schmerz uns zwischen den Fingern hindurch rinnen kann. Wenn wir klammern, verlieren wir alles. Doch wenn wir loslassen und alles verlieren, dann können wir vielleicht unser Selbst zurückgewinnen.

 

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