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"Generationen ? Strukturen und Beziehungen. Generationenbericht Schweiz. Synthesebericht des Nationalen Forschungsprogramms 52 'Kindheit, Jugend und Generationenbeziehungen in einer sich wandelnden Gesellschaft'",
Kapitel 6, Kindheit und Jugend im Generationenverbund: Familie, Schule, Freizeit.
Von Christian Suter und François Höpflinger
Fragestellungen
In welchem Ausmass sind Kinder und Jugendliche intergenerativ eingebettet? Wie erleben und gestalten Kinder und Jugendliche intergenerationelle Beziehungen in Familie, Schule und Freizeit? Wie beurteilen heranwachsende Enkelkinder die Beziehung zu ihren Grosseltern?
Erziehungsverhalten und Kompetenzentwicklung
Die elterlichen Erziehungspraktiken sind prägend für die Entwicklung des Kindes. Wichtig ist nicht nur, wie Eltern ihre Kinder betreuen, beaufsichtigen, belohnen und bestrafen und emotional mit ihnen verbunden sind, sondern auch die Teilnahme der Eltern am Alltag der Kinder, die Unterstützung der Aktivitäten der Kinder sowie die Förderung deren sozialer und kognitiven Kompetenzen.
Grosse Bedeutung für die Identitätsentwicklung der Kinder sind vor allem drei Qualitätsmerkmale elterlichen Verhaltens: Verlässlichkeit, Dauerhaftigkeit und Reziprozität: (wechselseitige Unterstützung und Verbundenheit.
Kinder nehmen das elterliche Erziehungsverhalten anders wahr als die Eltern selbst. Eltern meinen häufig, sie würden sich mit ihren Kindern bereden und mit den vom Kind vorgebrachten Argumenten und Anliegen auseinandersetzen. Die Kinder stellen jedoch immer wieder fest, dass ihre Eltern die Entscheidungen ohne weitere Aussprache einseitig dem Kind überlassen. Väter überschätzen auch oft die Häufigkeit, einseitige und diskussionslose Verhaltensmassregeln aufzustellen.
In Familien, in denen Eltern mit ihren Kindern reden und sich mit ihnen auseinandersetzen, sind die Auffassungsgabe und das Konzentrationsvermögen der Kinder besser, dadurch verbessern sich ihre Schulleistungen und ihr Selbstwertgefühl wird stärker. Eltern neigen dazu, sich bei Schulschwierigkeiten der Kinder zurückzuziehen und ihnen alle Entscheidungen zu überlassen, statt sich mit ihren Kindern auseinanderzusetzen.
Eine Studie zeigt auch, dass die emotionale Verbundenheit und eine vertrauensvolle Beziehung zu den Eltern in allen Altersphasen äusserst wichtig sind. Eltern sollten den Kindern neue, vielfältige Lern- und Erfahrungsräume eröffnen, wie z. B. Musizieren oder andere Freizeitaktivitäten. Betreuung ausserhalb der Kernfamilie fördert die kindliche Entwicklung zusätzlich, z. B. in Bezug auf Mitgefühl. Die beiden Betreuungsformen ergänzen sich.
Gesundheitliches Befinden und erlebter elterlicher Erziehungsstil
Eine Studie 20-Jährigen von Felix Gutzwiller und Hans Wydler zeigt auf, dass der optimalste Erziehungsstil derjenige ist, der fördern und fordern kombiniert. Wird nur gefordert ohne zu fördern, zeigen die jungen Menschen häufiger nervöse und vegetative Störungen. Elterliches Desinteresse und zu hohe Nachsichtigkeit führen zu einem erhöhten Suchtrisiko. Am stärksten erhöhen jedoch hohe elterliche Leistungsansprüche ohne entsprechende Unterstützung das Risiko eines Suchtverhaltens, namentlich Cannabiskonsum. Bei beiden genannten Erziehungsstilen haben junge Menschen auch das Gefühl, ihr Leben sei sinnlos. Auch ernsthafte Selbsttötungsgedanken oder gar Selbsttötungsversuche sind bei fehlender elterlichen Unterstützung deutlich häufiger.
Familial-religiöse Rituale als intergenerationeller Kitt
Die Studie belegt, dass junge Familien viele Rituale praktizieren, und dass ihnen eine hohe Bedeutung zugemessen wird. Sie erfüllen viele soziale und psychologische Funktionen und wirken sich deshalb in der Regel positiv auf das Wohlbefinden der Familienmitglieder aus.
Für Kinder bedeuten Rituale feste Räume in ihrer Lebenswelt, und sie gestalten familial-religiöse Rituale aktiv mit, wobei Kinder diese Rituale auch für eigene Gedanken und Phantasien nutzen. Kinder sind bei der Gestaltung familiar-religiöser Rituale ? namentlich Weihnachtsfeiern und Abendrituale ? deutlich aktiver als bisher wahrgenommen wurde. Kinder erweisen sich bei Familienritualen als kreative Akteure.
- Taufe: Von den kirchlich angebotenen Ritualen geniesst die Taufe die höchste Wertschätzung. Taufrituale werden in generationenverbindenden Gottesdiensten durchgeführt. Durch Gotte und Götti (Taufpaten) wird das familiale Netz erweitert.
- Der familiale Charakter von Weihnachten wird darin deutlich, dass nur in 7% der Familien am Hauptfest nicht verwandte Personen teilnehmen.
- Familiale Abendrituale: Eltern geben dem ?Zu-Bett-gehen? eine feste Form. Häufig sind dies Tagesrückblick, Geschichten, Lieder, ein Gute-Nacht-Kuss, aber auch Gebete.
Heranwachsende Kinder und ihre Beziehung zu den Grosseltern
Bei einem Drittel der Grosseltern äussern Enkelkinder den Wunsch nach mehr persönlichen Kontakten. Kontakte via Handy, SMS und E-Mail gewinnen an Bedeutung.
Aktive intergenerationelle Kontakte ? namentlich mit Teenagern ? setzen eine relativ gute Gesundheit der älteren Generation voraus.
Heranwachsende Enkelkinder betonen am häufigsten moralisch charakterliche Eigenschaften von Grosseltern und affektive Nähe. Spezielle Kompetenzen oder Lebenserfahrung werden von Enkelkindern seltener angeführt. Sie stufen ihre Grosseltern (besonders die Grossmütter) mehrheitlich als grosszügig, liebevoll und gesellig ein. Sie werden vielfach auch als humorvoll und tolerant wahrgenommen.
Mit Grosseltern reden und diskutieren scheint gerade in dieser Lebensphase bedeutsam zu sein. Themen sind meist neueste nachrichten/Aktualitäten, Schulfragen, die Beziehung zu den Eltern sowie Freizeitaktivitäten. Häufig ausgeblendet werden hingegen Liebesgeschichten und Fragen zur körperlichen Intimität, kleine Geheimnisse oder persönliche Konflikte.
Eindeutig an erster Stelle steht bei den Heranwachsenden die Erwartung, dass die Grosseltern einfach da sind, wenn man sie braucht. ?Zuhören und sich Zeit nehmen? wird oft als wichtiger erachtet als ?Reden und Agieren?. Eine Einmischung in private Dinge wird weniger geschätzt.
Grosseltern fühlen sich häufig als Teil einer familialen Solidargemeinschaft (bei finanziellen Notlagen, Rat zur Beziehung zu den Eltern usw.). Enkelkinder schätzen ihre Grosseltern in dieser leistungsorientierten Welt eher als Bezugs- und Vertrauenspersonen.
Intergenerationeller Austausch in der Schule
Die meistens Erstklässler bewältigen die neuen Anforderungen der Schule problemlos. Sie gewöhnen sich schnell an das Erledigen von Hausaufgaben, haben eine gute Beziehung zur Lehrperson und den Klassenkameraden aufgebaut.
Die Bereitschaft, sich in der schule anzustrengen, hängt nicht von der schulischen Leistung der Schüler ab, sondern vielmehr, wie die Kinder ihr schulisches Umfeld wahrnehmen, insbesondere die Einschätzung der Lehrpersonen ihnen gegenüber.
Gewalterfahrung und Gewaltprävention in Schulen
Eine Befragung von 2'500 Jugendlichen ergab, dass ein Viertel von ihnen in den letzten 30 Monaten mindestens einmal Opfer ernsthafter Gewalt geworden waren, wie Körperverletzung, Raub, Erpressung und sexuelle Gewalt.
Entgegen der Kriminalstatistik haben die jugendlichen Grwaltdelikte jedoch nicht zugenommen. Deutlich zugenommen hat hingegen die Anzeigenrate, die sich zum Teil mehr als verdoppelt hat. Die Jugendlichen erleben weniger Gewaltanwendungen zuhause, aber immerhin betrifft es noch 10 ? 16% der Kinder im schulpflichtigen Alter.
In einem Projekt, in dem Mobbingvorfälle im Kindergarten untersucht wurden, fand man eine Rollenverteilung mit 5 ? 6% passiven Mobbingopfern, 7% aggressiven Opfern, 8 ? 12% reinen Mobbingtätern und 20 ? 23% Kinder, die nur manchmal als Opfer oder Täter beteiligt sind. Die restlichen Kinder, mit 55% über die Hälfte, sins nicht bei Mobbingvorfällen beteiligt.
Diese Gruppe der Nichtbeteiligten ? und darunter insbesondere Mädchen und die älteren Kinder ? spielen eine wichtige Rolle in der Mobbingdynamik, da sie im Allgemeinen hohe soziale Kompetenzen aufweisen, Mobbingopfer verteidigen oder Erwachsene um Hilfe bitten.
Bei einem Präventionsprogramm sollten Kindergarten-Kinder und ihre Eltern sensibilisiert werden, und ihnen sollte Wissen und Sicherheit vermittelt werden, wie sie sich in Mobbingsituationen angemessen verhalten können.
Im Präventionsprogramm, das sich an die Eltern richtete, gingen zwar körperlich Züchtigungen durch die Eltern und impulsive Erziehungstechniken zurück, und das Familienklima verbesserte sich, aber es gab keine Auswirkung auf das Sozialverhalten der Kinder.
Im zweiten Interventionsprogramm, in dem Kinder in der Schule in ihren sozialen und emotionalen Kompetenzen gefördert wurden, gab es postitive Teieffekte. So haben sich bei den am Päventionsprogramm beteiligten Kindern aggressive Formen des Problemlösens verringert. Auch nahmen die Lehrpersonen positive Vereänderungen hinsichtlich des Erkennens von Gefühlen und des Umgangs mit Konflikten wahr. In weiteren Bereichen konnten hingegen (noch) keine Verbesserungen nachgewiesen werden: beim Verständnis und Befolgen von Regeln, die Kontrolle über Gefühle wie Wut und Ärger sowie die Bereitschaft, anderen zu helfen. In den Klassen, wo das Präventionsprogramm in guter Qualität umgesetzt wurde, lassen sich jedoch positive Auswirkungen auf das Sozialverhalten der Kinder erkennen.
Zusammengefasst von Gert-Christian Südel
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