Ich möchte all die wunderbaren Fingertatzen so gern behalten

Farbe an den Händen

„Cleaning wonderful handprints can wait“
von Orson Scott Card;

erschienen am 5. März 2008 im MormonTimes.com,
übersetzt aus dem Englischen
von Steffanie Kube, Gemeinde Dortmund.
 


Aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet

Letzten Sonntag hörte ich von einer guten Freundin eine wunderbare Geschichte. Sie und ihr Mann waren mit ihren sieben Kindern von Nord Carolina nach Idaho gefahren, um ihre Eltern zu besuchen. Es kamen noch viele weitere Familien-angehörige hinzu, so dass das Haus voller Kinder aller Altersstufen war. Wie man sich vorstellen kann, herrschte ein ziemlicher Tumult.

Als unsere Freundin wegfuhr, dachte sie, wie erleichtert ihre Mutter jetzt wohl sein musste, da sie das Haus endlich wieder in Ordnung bringen konnte. Ein paar Wochen nach dem Besuch telefonierten die beiden miteinander und die Mutter unserer Freundin sagte: „Du kennst doch unseren großen Spiegel am Ende des Flures? Ich habe es noch nicht fertiggebracht, ihn zu putzen. Ich möchte all die wunderbaren Fingertatzen so gern behalten.“

Ich dachte an unsere ersten Jahre als Eltern zurück: Überall im Wohnzimmer waren Spielsachen verstreut, wenn Gäste herüberkamen. Wir hatten damals nur zwei Kinder im Alter von vier und zwei Jahren, aber wie alle Eltern wissen, reicht auch schon eines aus, um den Teppich fast vollständig unter Spielzeug verschwinden zu lassen. Unsere Jüngste war alt genug, um zu wissen, dass das Spielzeug nach dem Spielen weggeräumt wird, aber sie hatte die Angewohnheit entwickelt, immer „zu müde“ zu sein, so dass ihr älterer Bruder die ganze Arbeit für sie machte. Weil meine Frau zu der Zeit hochschwanger war, fiel mir die Aufgabe zu, unserer Tochter beizubringen, dass man die benutzten Spielsachen und das verursachte Durcheinander immer wegräumen muss, ob „müde“ oder nicht.

„Ich helfe dir“, sagte ich. Das gefiel ihr, solange das Helfen bedeutete, dass man selbst alles allein aufräumte, während sie nur zuschaute. Noch besser fand sie es, aus dem Zimmer zu gehen und irgendetwas Aufregenderes zu machen als Papa beim Aufräumen zu beobachten. Das ging jedoch gar nicht. Lektionen mussten gelernt werden. Also versuchte ich, ein Spiel daraus zu machen. Ich hielt sie wie einen Hochleistungsstaubsauger über dem Fußboden und sagte zu ihr: „Heb alle Spielsachen auf, kleiner Staubsauger!“ Ihre herunterbaumelnden Arme rührten sich nicht. Sie waren so nützlich wie alte Drachenschnüre, die sich in Winterbäumen verfangen haben. Offensichtlich funktionierte meine Strategie nicht. Sie war zwar klein, aber sie war nicht dumm. Sie erkannte sofort, wenn es irgendwo nach Arbeit roch.

Nun handelte es sich um einen Willenskampf, und den würde ich sie nicht gewinnen lassen. Ich änderte meinen Griff so, dass ich ihre Handgelenke packen und ihre Arme bewegen konnte, um das Spielzeug aufzuheben. Sie ließ ihre Hände weiterhin schlapp hängen und weigerte sich, irgendetwas zu greifen. „Weißt du nicht, dass ich dich nicht gewinnen lasse?“, fragte ich sie. „Gib einfach auf und tu es.“ Aber was dachte ich nur, mit wem ich da spreche? Dies war das kleine Mädchen, das ein geschlagenes Jahr lang Abendmahlsversammlungs-Andachtstraining hatte, indem es draußen im Foyer auf meinem Schoß saß und sanft aber bestimmt hinunter gedrückt wurde, damit es sich weder bewegen noch spielen oder Interessantes sehen konnte. Ihr Bruder hatte die Lektion über Andacht schneller gelernt: Im Foyer macht es keinen Spaß; lieber leise sein und in der Kapelle bleiben, wo ich auf der Bank sitzen und leise lesen oder malen darf.

Aber meine Tochter wusste nicht, dass sie eine Lektion lernte. Sie dachte, sie lehrt eine. Die Lektion war: Ich werde nie, nie, nie aufgeben. Ein ganzes Jahr lang zappelte und wand sie sich im Foyer, weigerte sich still zu sein oder zu kooperieren und bestand darauf, dass alles nach ihrem Kopf ging. Wer meinte ich überhaupt zu sein? Ihr Boss? Der Bestimmer? Ja, sicher, das war mein Trugschluss. Nach einem Jahr fand sie endlich, sie habe mir genug beigebracht und malte und las von da an glücklich und ruhig neben ihrem Bruder auf der Bank – und ich konnte wieder die Abendmahlsversammlung besuchen.

Das war das kleine Mädchen, mit dem ich es hier zu tun hatte – das sturste Kind, das jemals geboren wurde. Schließlich nutzte ich ihre schlaffen Hände wie Zangen, um jedes einzelne Spielzeug nach-einander aufzuheben und es in seine Kiste zu tun. Nicht einen einzigen Augenblick lang war sie zur Mitarbeit bereit. Ich machte drei Dinge gleichzeitig:

  1. Ich räumte das Wohnzimmer auf, so dass es für Gäste bereit war ohne dass meine Frau es tun musste. Diese Aufgabe hätte ich allein allerdings in einem Zehntel der Zeit geschafft.
  2. Ich brachte einer äußerst gescheiten Zweijährigen, die vollkommen fähig war, diese Lektion zu lernen, grundlegende Verantwortung bei.
  3. Ich hatte einen Willenskampf mit einem Kind, das mit einem unglaublichen, stillen Widerstand ausgestattet war.

Diese dritte Aufgabe war die gefährlichste. Der Willenskampf musste stattfinden, und um unserer Verantwortung als Eltern gerecht zu werden, mussten wir unserer Tochter unmiss-verständlich zeigen, wer die Macht und Autorität zu Hause besaß. Wenn wir nur einmal nachgegeben hätten, hätte sie gelernt, dass wir aufgeben und sie ihren Willen bekommt, wenn sie sich nur lange genug widersetzt. Das ist die schlechteste Lektion, die man einem Kind jemals erteilen kann. Eltern, die ihren Kindern dies in jungen Jahren vermitteln, machen sich selbst überflüssig, wenn das Kind später unbedingt Grenzen zu seiner eigenen Sicherheit benötigt. Selbst sture Kinder brauchen Grenzen. Nur weil sie das Geschenk ablehnen heißt das ja nicht, dass sie nicht lernen müssen, es anzunehmen.

Die Gefahr bei diesem Wettkampf war, dass ich ihn persönlich nahm. Als Trotz, Respektlosigkeit, schlechtes Benehmen oder noch schlimmer als „böses Kind“. Kurz gesagt, ich könnte wütend werden. In solchen Momenten sollten Eltern an jene Fingertatzen am Spiegel denken. Ja, wir kämpften. Ja, ich musste den Kampf gewinnen. Es war meine Aufgabe und ich war entschlossen, sie zu meistern – weil ich dieses kleine Mädchen liebte und wollte, dass es den Gehorsam und die Selbstbeherrschung lernte, die es brauchen würde, um später in der Gesellschaft zurechtzukommen. Aber weil ich meine Tochter liebte, durfte ich sie nicht als meine Feindin betrachten – Zorn durfte nicht in mein Herz einziehen. Ich durfte mir keine Bestrafungen für ihr „schlechtes Benehmen“ ausdenken. Stattdessen spielte ich das Spiel weiter. „Wir sind ein Kran, der die Autowracks zur Schrottpresse bringt!“, lachte ich über ihre Dickköpfigkeit. Ich lachte sogar als ich sagte: „Du bringst mich um! Mein Rücken macht das nicht mit!“ Und am Ende lachte sie selbst.

Sie war zwei Jahre alt. Ich glaube nicht, dass sie sich an diese Begebenheit erinnert. Glauben Sie nun aber bloß nicht, dass ich ein perfekter Vater war, der niemals wütend wurde. Aber diesmal wurde ich es nicht. Und deshalb hüte ich diese Erinnerung wie einen Schatz. Fingertatzen am Spiegel. Eine Zeit, in der ich, obwohl ich der schonungslose Vater war, der nicht nachgab, diesem geliebten Kind sehr nahe war und die Lektion so gut ich konnte mit Spiel und Lachen füllte. Unser Lebensziel ist es nicht, unsere Heime sauber zu halten. Unser Ziel ist es, zivilisierte Kinder großzuziehen, die ihre Triebe beherrschen. Wenn die Kinder Unordnung hinterlassen, ungehorsam oder gleichgültig sind, ist es nicht unsere Aufgabe, sie zu richten und zu bestrafen sondern eher sie liebevoll zu belehren.

Wenn sie erwachsen werden und ausziehen – so wie dieses kleine Mädchen und sein älterer Bruder es längst getan haben – wünschen wir uns die Legosteine wieder überall auf dem Boden verstreut, die Flecken, die Fingertatzen, die Basteleien an Fenstern und Wänden, die Papierschnipsel, die noch nach Jahren in allen möglichen Ecken auftauchen, wieder zurück. Wenn uns die Versuchung überkommt, zornig zu werden und zu schelten, müssen wir an die Zeit denken, wenn wir dieses „ungezogene“ Kind vermissen werden, das einfach dabei ist, aufzuwachsen, zu spielen, zu entdecken und zu versuchen, unangenehme Konsequenzen zu vermeiden. Es bleibt genügend Zeit; den Spiegel zu putzen, nachdem sie gegangen sind.

Orson Scott Card 

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