
Franziska Bischof-Jäggi (37) beim Kurzworkshop ?Erfolgreich zwischen Beruf und Privatleben balancieren? am 22. November 2007 in Zug.
Franziska Bischof-Jäggi (geb. 1970): Work: Pädagogische Psychologin, lic. phil.; Paar- und Familientherapeutin nach dem Phasisch-Systemischen Ansatz von C. Gammer, Geschäftsführerin der im 2001 gegründeten Familienmanagement GmbH. Life: Verheiratet, 2 Kinder im Alter von 9 und 5 Jahren, das dritte kommt im April 2008 zur Welt, wohnhaft in Zug. Balance: Viel an der frischen Luft, Schwimmen, Radfahren, Schneesport, Musik, aktive Partnerschaft, geteilte Haushaltsführung, regelmässige Familienräte.
4Family: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Familienräte durchzuführen?
Frau Bischof: Durch ?Die Familienkonferenz? von Thomas Gordon. Wir haben den Familienrat regelmässig jeden Sonntagabend durchgeführt. Jetzt, auch bedingt durch meine Schwangerschaft, machen wir es nach Bedarf. Jedes Familienmitglied kann den Familienrat einberufen. Wir führen über die gemeinsamen Beschlüsse Protokoll. Das ist uns dann heilig, also für alle verbindlich: ?Wir haben abgemacht, dass?? Anschliessend an den Familienrat gibt es ein Dessert. Es ist uns wichtig, einen guten Abschluss zu haben ? auch wenn es am Abend einmal Streit gab.
4Family: Haben Sie auch einen speziellen Abend mit Ihrem Mann allein, zur Stärkung der Partnerschaft?
Frau Bischof: Wir nehmen uns, wenn immer möglich, jeden Abend mindestens eine viertel Stunde Zeit. Wir setzen uns dann bei einem Tee zusammen und sprechen mit einander. Dabei gibt es nur zwei Regeln. Es wird weder über die Arbeit noch über die Kinder gesprochen.
4Family: Als Mutter, Ehefrau und Unternehmerin sind Sie ständig gefordert. Wo nehmen Sie die Zeit für Fortbildung/Weiterbildung her?
Frau Bischof: Es gibt in meinem Unternehmen, der Familienmanagement GmbH, Zeiten, in denen kaum Anfragen von Kunden kommen; das sind die Sommermonate Juli und August, in denen ich Ferien mache, und dann der Dezember. Den Dezember nutze ich für Fortbildungen. Ich besuche zum Beispiel Vorträge, um etwas über die Art des Präsentierens zu lernen. Ob die Vortragenden es nun gut oder schlecht machen, auf jeden Fall lerne ich daraus. Das Thema ist mir auch nicht so wichtig. Vor vielen Jahren habe ich mir einen Vortrag darüber angehört, wie man Wände verputzt, obwohl ich mit dem Gelernten in meiner damaligen Mietwohnung gar nichts anfangen konnte. Aber die Vortragstechnik hat mich interessiert.
Während des Jahres lese ich immer wieder Fachbücher; oft lese ich sie auch mehrmals und kann immer wieder davon profitieren. Ich habe keinen Coach. Ich bin lieber mein eigener Coach. Ein Mal im Jahr zeichne ich einen von mir durchgeführten Kurs oder Workshop per Video auf. Anschliessend analysiere ich mein Verhalten und werte das Material sehr genau aus, achte dabei z. B. auch auf eventuelle Wortfüller wie das Wort ?eigentlich?. Solche Begriffe schleichen sich oft unbemerkt in das Vokabular von Referenten ein.
4Family: Sie kennen sicher auch Situationen, die nach Murphys Gesetz in einer Katastrophe enden müssen: ?Sie haben einen 120%-Job, ein Mitarbeiter fällt aus, die Arbeit wird auf alle anderen verteilt, der Abgabetermin für die Diplomarbeit naht, die Schwiegermutter steckt in einer Krise und braucht sofort Hilfe, die Kinder kommen weinend von der Schule nachhause, die Putzfrau wird krank und die Katze kriegt Junge.? Was hat Ihnen in einer ähnlichen Situation am meisten geholfen?
Frau Bischof: Das Bild von einem Glas, das erst mit Golfbällen gefüllt wird, dann mit kleineren Steinen, als nächstes mit Kies und zum Schluss mit Sand. Es symbolisiert sehr gut, das alles seinen Platz hat, wenn ich die Prioritäten nur richtig setze. Zuerst kommt meine Gesundheit, dann meine Partnerschaft, dann die Firma.
4Family: Sie haben heute im Workshop die verschiedenen Phasen eines Burnouts aufgezeigt. In welcher dieser Phasen haben Sie bereits einmal gesteckt?
Frau Bischof: In keiner. Durch meine Arbeit in der Krisenintervention habe ich viel gelernt. Anschliessend kann man mit Krisen umgehen oder nicht. Ich habe Vertrauen und ich spreche, manchmal zum Ärger meines Mannes und meiner Kinder, Dinge sofort an.
4Family: Welche Massnahmen müssen von Burnout betroffenen oder ihren Partnern getroffen werden, um eine Wende einzuleiten?
Frau Bischof: Es ist wichtig, die Betroffenen anzusprechen, sie mit wahrgenommenen Alarmzeichen zu konfrontieren, ehrlich und offen mit ihnen zu sprechen. Siehe Beitrag zum Thema Work-Life-Balance.
4Family: Ist das Problem mit Work-Life-Balance ein Problem unserer Luxus-Gesellschaft?
Frau Bischof: Ja. Wie in meinem Buch MATCH! (4Family Buch des Monats April 2007) aufgezeigt, gibt es heute in den Entwicklungsländern genau so wenig ein Problem damit, wie bei uns Europäern noch im Mittelalter. Vor der Industrialisierung haben die Menschen ums Überleben gekämpft. Erst danach kam es zur Entwicklung der Freizeitkultur und damit auch zu Problemen im Bereich Work-Life-Balance.
4Family: Wie helfen wir unseren Kindern mit dem hohen Leistungsdruck umzugehen, bzw. Work-Life-Balance aufrecht zu erhalten und nicht ?in das gleiche Muster zu fallen?, wie ihre Eltern?
Frau Bischof: Das Wichtigste, was wir ihnen geben können, ist Wertschätzung ? nicht nur ihre Leistungen wertschätzen, sondern auch ihr Verhalten. Es ist wichtig, dass sie ein gesundes Selbstbewusstsein entwickeln und nicht von Fremdbeurteilungen abhängig werden. Das müssen wir ihnen natürlich auch vorleben und ihnen immer wieder vermitteln: ?Du musst mit dir zufrieden sein.?
4Family: Haben Sie noch einen Rat für gestresste Hausfrauen und Mütter?
Frau Bischof: Ich erlebe, dass viele Leute ? insbesondere Frauen ? oft grösseren Wert auf gemachte Betten, die blitzblanke Küche, den abgetragenen Wäscheberg etc. und solche Dinge legen als auf die wirklich wichtigen Dinge im Leben wie Beziehungen, Erlebnisse, Gefühle, Bedürfnisse - das Leben halt in seiner ganzen Spannbreite. Weder ein Partner noch eine gute Freundin noch die Kinder noch die eigene Gesundheit werden es einem verdanken, dass sie immer in gemachten Betten einschlafen durften. Aber sie werden es schätzen, wenn man zum richtigen Zeitpunkt ein offenes Ohr, ein Lachen ... einfach nur Zeit hatte.
Der Sinn des Lebens ist nicht das gemachte Bett, sondern das gelebte Leben.
4Family: Herzlichen Dank für die guten, hilfreichen Tipps. Alles Gute für Ihre Familie, mit einem ganz besonderen Segen für den neuen Erdenbürger.
Interview mit Frau Bischof-Jäggi von Gert-Christian Südel
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