Am Donnerstag, 11.März hielt Frau Cornelia Kazis, Redaktorin bei Radio DRS, in Zürich für unseren Verein ein Referat mit dem Titel "Gratwanderung Erziehung".
Rund 70 Besucherinnen und Besucher fanden sich um 19 Uhr zum Apéro ein.
Nach der Begrüssung durch die Vereinspräsidentin, Cornelia Gantner, folgten während rund einer Stunde die spannenden, sehr lebensnahen und auch humorvollen Ausführungen von Frau Cornelia Kazis. Hier nun eine Zusammenfassung.
Zu Beginn sprach Frau Kazis allgemein über Grenzen: "In unserer Gesellschaft, in der die Grenzen zwischen den Nationen und die Grenzen zwischen den Generationen, die Grenze zwischen dem weiblichem und dem männlichem Lebensentwurf stetig fliessender werden, wird kaum ein anderes pädagogisches Thema so angeregt diskutiert und auch so hitzig debattiert wie das Thema der Grenzen." Daraufhin führte sie verschiedene Beispiele aus dem Alltag mit Kindern und Jugendlichen an um aufzuzeigen, dass der Umgang mit Grenzen - bewusst oder unbewusst - beinahe allgegenwärtig ist. Wer einen guten Mittelweg zwischen Eigenständigkeit der Kinder und Gemeinschaftsverantwortung suche, sei eben permanent auf diesem "Grat" unterwegs. Eine Auswahl ihrer Beispiele:
- Wer ist reif für die Schule und wer nicht?
- Wie laut dürfen Kinder spielen?
- Wann ist wirklich Zeit fürs Bett?
- Was darf die Eltern nichts angehen und wo haben Kinder nichts verloren?
- Was ist noch lustig und wo hört der Spass auf?
- Wie viel Süssigkeiten sind zu viel?
Es folgten spannende Ausführungen über Toleranz. Die engagierte Fachfrau umschrieb diesen Begriff in drei Begriffen:
1. Duldsamkeit. Eine Kernaussage hier war: "Fast immer wird vorausgesetzt, Toleranz stehe in einem positiven Bezugsrahmen. Dabei ist, wer sich Unduldbarem gegenüber duldsam verhält, auch tolerant. Wenn Sie beispielsweise tolerant zuhören, wenn ein Jugendlicher rassistische Sprüche von sich gibt, sind sie zwar offen und duldsam, aber bei Lichte besehen auch gleichzeitig womöglich feige oder nur konfliktscheu, ängstlich oder drückebergerisch. Farbe bekennen könnte eine Alternative sein."
2. Zulässige Abweichung von der Norm und Verträglichkeit.
3. Verträglichkeit. Dazu formulierte die Referentin folgenden Denkansatz: " Wenn Sie gelernt haben, dass Konflikte zum Leben gehören, wenn Sie diese Unstimmigkeiten darum nicht einfach übersehen, oder beiseite schieben und stillschweigen , sondern wahrnehmen, angehen und aussprechen , dann gehören Sie zu den konflikttoleranten Müttern und Väter. Das ist eine sehr hilfreiche Eigenschaft im Leben mit Kindern. Und nicht nur mit Kindern. Konflikttolerante Mamas und Papas sagen auch mal Sätze wie: „Halt nun klemmt es, da haben wir ein Problem. So geht das nicht. Bevor es weitergeht, müssen wir hier eine Lösung finden." Weiter betonte sie, dass Konflikttoleranz Zeit und Kraft brauche, sich aber langfristig lohne.
Bevor Frau Kazis einige Beispiele aus ihrer Arbeit zum Besten gab, stellte sie folgende These auf: "Die moderne Familie der westlichen Welt lebt toleranzmässig relativ bezugslos und riskiert deshalb überfordert zu sein. Das heisst, sie ist oft gezwungen, über die psychisch und vielleicht auch physisch tolerablen Verhältnisse zu leben. Ich denke, die moderne Familie krankt an grenzenlosen Zumutungen einerseits und grenzenlosen Ansprüchen andererseits."
Insbesondere wurden zwiespältige Ansprüche oder gar Zumutungen an Erziehende angesprochen wie:
- Eltern haben ihr Kind , so die gängige Maxime, optimal zu fördern in einer Welt, die wenig unreglementierte Spiel- und Experimentierräume für Heranwachsende offen hält.
- Eltern haben ihr Kind zu schützen in einer immer gefährlicher erscheinenden Welt.
- Eltern haben ihr Kind zur Selbsttätigkeit anzuleiten in einer Welt voller Fertigprodukte.
- Eltern haben ihre Kinder gewaltfrei zu erziehen in einer von Gewaltkonflikten gezeichneten Welt.
Nun folgten diverse, wahre Begebenheiten, welche erstmal ungläubiges Stauen und dann auch nachdenkliche Gesichter hinterliessen. Zwei Beispiele gefällig?
1. Der Vater steht mit seiner elfjährigen Tochter im Badezimmer. Die Zahnbürste der Tochter fällt zu Boden. „Heb die Zahnbürste bitte auf!“ befiehlt das Mädchen seinem Vater. „Heb sie doch selber auf. Das ist deine Zahnbürste und sie ist dir zu Boden gefallen.“ Antwortet der Vater. Darauf kontert die Tochter: „Du hast mir die Zahnbürste gekauft. Wenn du sie mir nicht gekauft hättest, dann hätte ich sie jetzt nicht fallen lassen können. Also, heb sie jetzt auf, sonst muss deine Lieblingstasse dran glauben. Du hast die Wahl.“
Der Vater entscheidet sich gegen das Zahnbürstenaufheben und ist wenige Augenblicke später um seine Tasse ärmer. „Wissen Sie „, sagt er mir in einem Gespräch, „ das ist kein Einzelfall , solches passiert bei uns häufig.“
2. Eine Mutter wird um Mitternacht von ihrem halbwüchsigen Sohn geweckt . Er ist mit ein paar Kollegen nach Hause gekommen. Die Jugendlichen sind hungrig und holen die Mutter aus dem Bett. Sie solle für ihn und seine Kumpel kochen. Die Frau steht auf, obwohl sie sehr müde ist, und kocht mitten in der Nacht für die jungen Männer . Wieso tut sie das? Sie überlegt und meint, dass es ihr lieber sei, nachts Spaghetti zu kochen , als auf übelste Weise vor anderen beschimpft oder sogar verprügelt zu werden.
Eine wichtige Bemerkung von Cornelia Kazis dazu: "Aber nicht nur diese Eltern leiden. Es leiden auch sehr die Kinder. Davon bin ich zutiefst überzeugt. Wer nämlich soviel Macht hat über Erwachsene, kann sich von eben diesen kaum gleichzeitig beschützt und behütet fühlen. Wem niemals Einhalt geboten wird, der kann keinen Halt finden. Wer keine Grenzen kennt, lebt in der Gefahr sich zu verlieren."
Sie ging in der Folge darauf ein, wie die Grenzen zwischen den Generationen immer mehr verwischt werden. Aber doch eigentlich unbedingt nötig seien. Einer ihrer Erklärungsversuche: " Eine Vermutung ist die , dass viele , besonders mittelständische, städtische Eltern, die ihr Kind oder ihre Kinder genau geplant und also zu einem gewissen Zeitpunkt auch sehr gewünscht haben, der Illusion verfallen sind, die besten Freunde ihrer Kinder zu sein. Ich bin überzeugt davon, dass Freundschaft zwischen Eltern und Kindern in den ersten zwei Jahrzehnten eine Illusion ist. Eine Mutter, ein Vater sind etwas anderes als eine Freundin, als ein Freund. Sie sind Eltern und damit per definitionem eine Generation älter. Die Beziehung ist somit machtasymmetrisch. Und das versteht sich schlecht mit Freundschaft.
Das heisst nun natürlich aber nicht, dass die Beziehung der Eltern zu ihren Kindern nicht von Liebe und Respekt, Verlässlichkeit und Zugänglichkeit getragen sein soll. Aber es ist die Liebe, die Verlässlichkeit, die Zugänglichkeit und der Respekt zwischen zwei ganz und gar Ungleichen. " Freundschaft könne jederzeit aufgekündet werden. Elternschaft nie.
Auch warnte sie (insbesondere die Mütter ) davor, in ihren Kindern den einzigen Lebensinhalt zu sehen oder sie beinahe zu vergöttern. Natürlich sei es eine aufopferungsvolle Lebensphase, Kinder grosszuziehen. Jedoch sollte auch immer auf die eigenen Bedürfnisse gehört werden und gewisse Freiräume möglich sein. Und als wichtig erachte sie, dass andere Themen existieren, welche Eltern bewegen und tragen. Ausgeglichene Eltern sind glückliche, geduldige, aufmerksame Eltern..!
Des Weiteren ging Frau Kazis auf den Umstand ein, dass in der (v.a. westlichen) Gesellschaft der Gegenwart die familiären Beziehungen sehr stark emotionalisiert und intimisiert seien. Und dass die Liebesheirat ein relativ modernes "Phänomen" sei, ebenso wie die Tatsache, dass fast jedes Kind ein Wunschkind sei. Das sei schön, aber damit steige bei vielen Eltern auch der Glücksanspruch sowie die Ansprüche an das Kind beinahe ins Unermessliche. Aber: Nicht jedes Kind kann hochintelligent, sportlich erfolgreich und auch noch wunderschön sein!
Sympathisch war dann die Einleitung in den Schlussteil: " Was tut not? Ich habe kein Rezept. Und andere wohl auch nicht. Es hätte sich schon längst herumgesprochen und sicher auch teuer verkauft."
Der erste Punkt: In Zeiten, in denen sich vieles so schnell immer wieder verändert, sei es wichtig, Rituale zu schaffen. Das Sonntagsfrühstück, der Ausgangsabend, die Gutenachtgeschichte oder ein Hausaufgabentee.
Zweitens: Frau Kazis regte eine sogenannte "Familienverträglichkeitsprüfung" an für neue Projekte. Sei das bei der Stadtplanung, vor der Einführung von Schulreformen und Sparmassnahmen, und so weiter. Ziel müsse es sein, " das Dilemma zwischen grenzenlosen Zumutungen und grenzenlosen Ansprüchen an die Familie zumindest zu mildern."
Ihr dritter Vorschlag: Die Entlastung von Eltern, indem sie Ungereimtheiten im Familienleben nicht immer gleich als persönliches Versagen zu werten. Sondern sich Hilfe holen, vermehrt austauschen und verstehen, dass Einiges auch der modernen Gesellschaft geschuldet ist. Ohne dies einfach klaglos hinzunehmen. Zitat: "Und das wohlverstanden mit einem liebevollen und wachsamen Auge für die eigenen Grenzen."
Mit aufmunternden Worten machte Cornelia Kazis den Anwesenden Mut für ihren anspruchsvollen Alltag. Sie zitierte den berühmten Kinderarzt Donald W. Winnicott mit dem Ausspruch "good enough" um zu veranschaulichen, dass engagierte Eltern ruhig etwas gelassener sein dürften in ihren Ansprüchen an sich selbst. Um mit den Worten der Referentin zu schliessen:
"Genügend gut. Das reicht nämlich. Zu gut ist manchmal des Guten zu viel. Da sind sich die Fachleute einig. Kleine Widerhaken in Leben fördern die Lebenskraft."
Nach einem herzlichen Applaus ging es in die Diskussion. Mägi Hofmann (Vizepräsidentin des Vereins 4family) moderierte diese auf gewohnt souveräne Weise. Einige der Anwesenden brachten Beispiele aus ihrem eigenen Alltag und Erfahrungsschatz an. Später wurde unter anderem auf das erwähnte Beispiel mit der Zahnbürste und der Tasse näher eingegangen und (teilweise sehr kreative) Lösungsansätze gesammelt. Nach etwa einer halben Stunde musste die Gesprächsleiterin - wie soeben gelernt - "Grenzen setzen" und die Diskussion abbrechen...
Zu den angenehmen Klängen des virtuosen Pianisten George wurde beim zweiten Teil des Apéros (Fotos hier) noch angeregt weiterdiskutiert. Am Büchertisch erwarben etliche Leute passende Literatur und tauschten Erfahrungen aus.
So klang ein anregender und unterhaltsamer Abend langsam aus.
Ein herzliches Dankeschön an alle, die gekommen sind und (auch mit ihren engagierten Voten und Fragen) zu einem gelungenen Abend beigetragen haben. Wir hoffen, euch und viele andere auch nächstes Mal wieder begrüssen zu dürfen!
Frédéric Nebel
Der nächste Vortragsabend findet am 24. November 2010 statt.
Referent an diesem Mittwoch Abend wird Allan Guggenbühl sein! Er ist relativ häufig bei TV-und Radiostationen und bei den grossen Zeitungen als Interviewpartner zu Gast. Meist zu den Bereichen Jugendgewalt, Mobbing und der Genderthematik.
Einige Eckdaten zu seiner Person:
geb. 1952, Primarschullehrer und Musikausbildung, Studium der Psychologie und Pädagogik in Zürich, dipl. Kinder- und Jugendpsychologe, Autor diverser Bücher und Ratgeber.
