Prof. Dr. Dr. M. Spitzer

Europäische Durchschnittsbüger verbringen zehnmal mehr Zeit vor dem Fernseher als mit körperlicher Bewegung an der frischen Luft. Es ist erschreckend, dass Zweijährige teilweise bereits täglich zwei Stunden vor dem Fernseher sitzen und 1% der Vorschulkinder noch um 22.00 Uhr. Jugendliche und Erwachsenesehen im Schnitt 3,5 Stunden am Tag fern, wenn sie arbeitslos sind sogar 5,5 Stunden. Unser Leben wird immer stärker durch das Fernsehen geprägt.

Provokative Aussagen

Fernsehen macht dick
Fernsehen verbraucht weniger Kalorien als Nichtstun. Seit zwanzig Jahren wird immer wieder in grossen Studien (bisher über 50 in verschiedenen Ländern der Erde) nachgewiesen, dass Fernsehen dick macht. Bei Vorschulkindern, die täglich mehr als zwei Stunden vor dem Fernseher hocken, erhöht sich das Übergewichts-Risiko um 70 Prozent. Die Wahrscheinlichkeit dick zu werden und dick zu bleiben nimmt mit jeder zusätzlichen Stunde täglichen Fernsehkonsums zu. Und ein Experiment, das vor zehn Jahren in Kalifornien durchgeführt wurde, wies nach, dass übergewichtige Schulkinder in dem Masse abnehmen, wie der Fernsehkonsum reduziert wird.

Fernsehen macht dumm
Langzeitstudien, in denen Kinder von Geburt an alle zwei bis drei Jahre untersucht werden, zeigen: Fernsehen beeinflusst den Bildungsabschluss von Kindern negativ. Die obige Statistik macht deutlich: Die Kontrollgruppe, die täglich mehr als drei Stunden fernsah, hatte den grössten Anteil an Schulabgängern ohne Abschluss. Die Gruppe, die täglich weniger als eine Stunde vor dem Fernsehgerät gesessen hatte, brachte den grössten Anteil an Teilnehmern mit Universitätsabschluss hervor.
Aus der Lernpsychologie ist bekannt, dass Informationen besser gespeichert werden, je mehr Sinne angesprochen werden. Wenn zum Sehen und Hören zum Beispiel noch das Berühren und der Geruchssinn hinzukommen, prägt sich das Erlebte stärker ein. Was passiert dabei im Gehirn? Neurotransmitter sind heterogene biochemische Stoffe, die die Informationen von einer Nervenzelle zur anderen über die Kontaktstelle der Nervenzellen, der Synapse, weitergeben. Je stärker und komplexer die eingehenden Informationen sind, desto kräftiger wird auch die Synapse. Durch andauernde Benutzung des Gehirns entstehen durch vielfältige Verknüpfungen so genannte Gebrauchsspuren - wie Spuren im Schnee oder Trampelpfade. Die Welt des Fernsehens ist für diese Prozesse nicht geeignet. Denn oft stimmen Bild und Ton nicht mit einander überein oder sind zeitlich versetzt, ausserdem kommt der Klang aus dem Lautsprecher und das Bild vom Monitor, es fehlt also auch die räumliche Übereinstimmung, das Bild ist nur zweidimensional, es schmeckt und riecht nicht und kann nicht angefasst werden. Das passive Fernsehen hindert Kleinkinder am aktiven Erleben und damit an der normalen Entwicklung des Gehirns.

Fernsehen macht gewalttätig
Der sehr hohe Prozentsatz an Sex und Gewalt in den gängigen Fernsehprogrammen legt in den Köpfen unserer Kinder und Jugendlichen ein grosses Mülldepot an - es ist praktisch eine geistige Umweltverschmutzung. Welche "Trampelpfade" werden dadurch in kindlichen Gehirnen angelegt? In dieser Welt kommt Gewalt sehr häufig vor. Mit Gewalt können Probleme gelöst werden. Es gibt keine Alternativen zur Gewalt, sie tut nicht weh, und der Gewalttäter kommt ungestraft davon.

Kommentar G-C Südel: " Sind das die Lebenserfahrungen, die wir unseren Kindern vermitteln möchten? Wie viel Zeit müssen wir mit ihnen verbringen, damit auch positive Werte Spuren in ihren Gehirnen hinterlassen, die später ihr Handeln prägen? Die Durchschnittseltern reden täglich 5 Minuten mit jedem ihrer Kinder. Mit Reden sind übrigens nicht Befehle gemeint, wie z. B. "Lass das." "Komm her!" "Essen ist fertig!" "Mach jetzt deine Hausaufgaben." Um bei der Entwicklung des kindlichen Gehirns wenigstens ein Gleichgewicht zwischen Sex & Crime und ethischen Werten herzustellen, müssen wir täglich genau so lange mit dem Kind reden, wie wir es fernsehen lassen.

TV-Statistik


Körpergewicht, Bildungsgrad und Gewaltpotential der Kinder von heute bestimmen Gesundheit, wirtschaftlichen Erfolg und ethisches Verhalten unsere Gesellschaft in fünfzehn bis zwanzig Jahren.

Quelle: Notizen von G-C Südel bei einem Vortrag von Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer, Oktober 2006 in Nürnberg

 

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Manfred Spitzer