Jan-Uwe Rogge im Gespräch mit Alfred Gantner

Dr. Jan-Uwe Rogge berichtet im großen SCHAU HIN! Gespräch über seine Arbeit als Erziehungsberater. Dabei betrachtet er das einzelne Kind in seinem jeweiligen sozialen Umfeld. Der Erziehungsberater hat festgestellt, dass Eltern in Fragen der Medienerziehung oft sehr unsicher seien. Solche Unsicherheiten führen aber, so Rogge, dazu, dass sich Eltern Fragen stellen. Das sei gut so, denn: Sich um die Beantwortung dieser Fragen zu kümmern, bedeutet immer auch, dass Eltern sich um die Probleme ihrer Kinder kümmern.

Medienerziehung als Teil der Erziehung

Seit vielen Jahren beraten Sie Eltern in Erziehungsfragen. Dabei haben sie festgestellt, dass sich ca. 70 % der Anfragen von Eltern mit Schulkindern vordringlich auf Schul- oder Hausaufgabenprobleme beziehen. Welche Rollen spielen in Ihren Beratungen die Medien und Mediennutzung?
Grundsätzlich muss man sagen, dass ich in meinen Beratungen immer auf die einzelne Familiensituation und auf das einzelne Kind eingehe. Ich muss den ganzen Menschen im Blick haben, denn man kann nicht einfach nur Medien- oder Umwelterziehung betreiben. So ist das Thema Medien eins unter vielen. Entscheidend für alle Fragestellungen ist z.B. das Alter des Kindes und in welcher Entwicklungsphase es ist. Wenn Kinder im Trotzalter sind, also zwischen 2 und 5 Jahren, fragen sich Eltern eher, wie sie mit den Wutanfällen ihres Kindes umgehen sollen. Im Altern von 5 bis 7 Jahren, also dem Ende der Kindergartenzeit/Beginn der Schulzeit, spielen Medien eine größere Rolle: Die Wünsche der Kinder nach Fernsehen werden intensiver, da die Fernsehgewohnheiten der Freunde mit einem Mal elterliche Normen und Werte berühren. Zwischen 11 und 13/14 Jahren, zu Beginn der Pubertät, spielt der Computer schon eine größere Rolle.

Medienerziehung ist also immer Teil der allgemeinen Erziehung eines Kindes und Jugendlichen.
Ja. Wenn ich zum Beispiel ein Seminar zum Thema Kinder und Fernsehen mache, haben Eltern viele Fragen zur Nutzung des Fernsehers. Recht bald geht es dann aber auch um "dahinter liegende" Fragen und Probleme; zum Beispiel, wie Eltern ihren Kindern Grenzen setzen und wie diese aussehen können.

Häufig fragen sich Eltern, warum ihr Kind bestimmte Videos oder viel Fernsehen guckt. Warum braucht es das?
Es ist wichtig herauszufinden, welche Motivation ein Kind hat, wenn es ein Medium nutzt. Ich betrachte das Kind dann in seiner Entwicklungsphase und die Mediennutzung im Kontext von alltäglichen Situationen. Dann versteht man häufig besser, warum ein Kind welches Medium wie nutzt. Dieser erste Ansatz hat den Nutzer im Blick.

Wichtige Effekte der Mediennutzung für Kinder

In den 70er Jahren haben Sie mit Kollegen die Sesamstrasse und andere Kindersendungen pädagogisch beraten. Damit wissen Sie sicher, was Kinder und Jugendliche wollen und was sie interessiert.
Mit der Sicherheit ist das so eine Sache. Man hat häufig ein statistisches Durchschnittskind im Kopf, seine Bedürfnisse, seine Wünsche, sein Entwicklungstempo. Aber Kinder schreiten ja nicht nur voran, und da fängt es dann an, schwierig zu werden. Manchmal gibt es in der Entwicklung einen Stillstand, manchmal sogar Rückschritte. Und hierbei können dann Medien eine ebenso begleitende wie hemmende Rolle spielen. Denn jedes Kind geht mit Medienangeboten unterschiedlich um.

Können Sie das einmal erläutern?
Zum Beispiel im Sinne von psychischer Entlastung, von Abtauchen in eine andere Welt; dies sind wichtige Effekte der Mediennutzung für die Kinder und Jugendlichen. Dabei muss man auch mal darüber nachdenken, wie Kinder überhaupt das Fernsehen oder Videos wahrnehmen. Geräusche und Musik sind sehr viel wichtiger, als man denkt. Das Hören, der Hörsinn zieht Kinder in den Bann. Ich denke, dass Kinder Fernsehen sehr viel häufiger "hören" als den Bildern zusehen. Neben Fernsehsendungen sind die Hörkassetten bei den 3- bis 7-Jährigen das meistgenutzte Medium, vor allem dann, wenn es um die Bereitstellung von Tagträumen geht. Seit etwa zehn Jahren gibt es viele auch qualitativ hochwertige Hörbücher, die zeigen, dass man das Hören wieder sehr ernst nimmt. Durch die neuen Techniken gibt es sehr viele Möglichkeiten, Spannung und Atmosphäre für das Kind zu erzeugen.

Unsicherheiten bei Eltern

Wissen Eltern, welche Medien sie in welchem Alter ihren Kindern anbieten sollen und wie sie diese mit den Kindern nutzen können?
Viele Eltern reagieren auf Fragen zur Mediennutzung sehr unsicher. Ich finde, dies ist auch gut so. Denn Unsicherheit lässt Fragen aufkommen und die Eltern kümmern sich dann um die Klärung von Fragen und damit um ihre Kinder. Es gibt zwei vordergründige "Scheinsicherheiten" im Umgang mit Erziehungsfragen: Es ist wenig hilfreich, wenn Eltern glauben, sie müssen Kinder vor allem bewahren. Zweitens die Haltung der Eltern, dass "eh alles egal ist", dass sie keinen Einfluss hätten und dass sich "von alleine alles regelt und fügt". In meinen Gesprächen mit Eltern merke ich, dass ich diese mit Scheinsicherheiten nicht erreiche. Aber die sind in der Minderheit.

Also die Eltern müssen eine Offenheit mitbringen, sie müssen sich selbst mit Fragen der Medien und mit Erziehung beschäftigen.
Ja, dies ist der Ausgangspunkt. Hinzu kommt, dass ich immer schaue, welche Kompetenzen Eltern mitbringen. Welche Verhaltensweisen oder Ideen haben sie, um Familienprobleme zu lösen oder Fragen zu beantworten. Ich versuche, die Ressourcen zu wecken. Es ist wichtig, darüber nachzudenken, warum Eltern einen eingeschlagenen Weg in der Erziehung verlassen haben oder plötzlich unsicher wurden. Sie werden staunen: Viele Beratungen enden damit, dass die Eltern in ihrem eingeschlagenen Weg bestätigt werden! Die Eltern sind ja nicht inkompetent! Eltern, die offen sind, wissen, was in der Erziehung nicht richtig läuft und handeln entsprechend.

Über die Schwierigkeiten der Elternberatung

Eltern machen also häufig intuitiv das Richtige?
Eltern sind häufig kompetenter als sie glauben. Sie sind dann überrascht, wenn eine Konsequenz zunächst klappt. Wenn Kinder dann nach einiger Zeit nicht mehr danach handeln, denken Eltern, es war nicht richtig und hören auf, konsequent zu sein. Sowohl die Eltern als auch die Kinder müssen eine Sicherheit gewinnen, wenn es um die Einhaltung zum Beispiel von Regeln geht.

Worin besteht die Schwierigkeit, Eltern zu beraten?
Ich habe mich immer schwer getan damit, klare Altersgrenzen für bestimmte Entwicklungsschritte anzugeben: Wenn ich zum Beispiel sechsjährige Kinder untereinander vergleiche, so kann ich feststellen, dass eines sein kann wie ein Vierjähriges, ein anderes Kind aber denkt und handelt wie ein Neunjähriges. Und wenn ich bedenkenlos sage, etwas ist für Sechsjährige gut, so überfordere ich möglicherweise ein Kind, ein anderes Kind aber ist mit bestimmten Aufgaben unterfordert. Wenn ich ein sechsjähriges Mädchen mit einem gleichaltrigen Jungen vergleiche, so ist das Mädchen - was die emotionalen Fähigkeiten betrifft - dem Jungen meist 1 bis 2 Jahre voraus. Wenn ich dies in der Beratung missachte, handle ich verantwortungslos und die Eltern fühlen sich nicht ernst genommen.

Eltern fragen Sie in Ihren Vorträgen oder Seminaren ganz konkret nach Lösungen. Wie gehen sie damit um?
Es ist mir wichtig, dass Eltern z.B. zum Thema Medien immer eine konkrete Antwort von mir erhalten, aber ich mache deutlich, dass es eben eine Antwort für nur eine Familiensituation ist. Alle anderen zuhörenden Eltern können sich etwas dabei "rausholen", sie sollten dann überprüfen, ob es in ihrer Familie auch die Probleme gibt. Es gibt keine Handlungsanleitung, die für alle gilt.

Mediennutzung und Verhalten

In der öffentlichen Diskussion wird häufig - so zum Beispiel nach dem schrecklichen Vorfall in Erfurt (2002), wo ein Jugendlicher mehrere Lehrer und sich selbst erschoss - eine Verbindung zwischen den Mediennutzungsgewohnheiten eines Kindes und seinem Verhalten gezogen. In Erfurt hatte der Jugendliche zum Beispiel sehr häufig Computerspiele gespielt, darunter das Schießspiel "Counterstrike". Eltern sind deshalb sicher verunsichert, da auch sie sich fragen, ob ihr Kind "Schießspiele" spielen darf. Denn sie haben Angst, dass intensive oder nicht kindgerechte Mediennutzung negative Auswirkungen auf die Entwicklung des Kindes haben.
Man muss dies relativieren. Man darf nicht vergessen, dass Medienwelt und Presse sehr schnelllebig sind und häufig monokausal argumentieren. Viele Eltern werden durch solche Medienberichte verunsichert. So war es zum Beispiel in Bezug zu den Geschehnissen in Erfurt. Heute jedoch sprechen immer weniger über diesen Vorfall. Mich interessieren vielmehr die konkreten Fragen der Eltern. Man muss Eltern dort abholen, wo sie sind. Egal, ob es Ängste sind, die die Eltern zur Computernutzung ihres Kindes haben oder ob sie sich fragen, ob ich mein Kind Nachrichten über den Golfkrieg schauen lasse oder nicht. Hier kamen schon eine Menge Anfragen. Ich merke, dass die Wege, die Eltern einschlagen, meistens die richtigen sind. Ich bestätige die Eltern dann in ihren Verhaltensweisen. Die häufigste Antwort, die ich von Eltern höre ist: "Dann habe ich es ja doch nicht ganz falsch gemacht!" Die Eltern sind dann ganz erleichtert. Die Angst, dass Kinder zum Beispiel durch gewalttätige Filme, Videos oder Computerspiele ebenso werden, ist meist völlig unbegründet. Man muss die Vorstellungen bei den Eltern zurechtrücken, die zu falschen Einschätzungen führen.

Solche Hintergrundinformationen entlasten Eltern, die Angst um ihre Kinder haben und möglicherweise den Einfluss der Medien überschätzen.
Ja, das stimmt. Andererseits muss man Eltern auch "verunsichern" und zeigen, dass sie in der Entwicklung ihrer Kinder und Jugendlichen nicht alles im Griff haben können. Denn gerade in der Pubertät können auf Grund der neurologischen Umstrukturierungen mit einem Mal Verhaltensweisen, Denkarten und Handlungen geschehen, an die die Eltern nie dachten. Wie kann man dies erklären, werde ich häufig gefragt. Ich versuche Eltern dann Hintergrundinformationen auch aus der Neurobiologie und -physiologie zu geben, die diese Verhaltensweisen erklären. Wenn man sich die Pubertät anschaut und welche Entwicklungsaufgaben die Kinder in dieser Zeit zu "erledigen" haben, so weiß man, dass ca. 10 % diese nicht erfüllen und man kann nicht von Anfang an sagen, wer und warum dies so ist. Die anderen machen alle ihren Weg - manchmal mit Umwegen.

Wie Kinder mit Gewaltbildern umgehen

Kommen wir nochmals auf die Schreckensbilder zurück, die aus den Krisenherden der Welt auf die Kinder einströmen. Wie gehen Kinder mit diesen Bildern um?
Aus der Emotionsforschung weiß man, dass sich die Nachwirkungen häufig erst lebenszeitlich (manchmal Monate, manchmal Jahre) später zeigen. Man weiß auch: Je älter ein Kind ist, umso länger dauert es manchmal, bis sich die Gefühle zeigen. Viele Eltern waren darüber erstaunt, wie ihre Kinder unterschiedlich auf die Bilder aus dem Golf- bzw. Irakkrieg reagiert haben. Als konstruktiv und orientiert an den Gefühlen des Kindes hat sich das Prinzip des Rückfragens erwiesen. Um es an einem Beispiel zu zeigen: Fragt ein Kind seine Eltern, ob der Krieg auch zu uns kommen könne, dann kann man wiederum das Kind fragen, was es selbst darüber denkt. Oder: Ein Kind zwischen sieben und neun Jahren hat schon sehr realistische Todesvorstellungen; in dieser Phase kommt es häufig zum Wiederaufleben von Trennungs- und Vernichtungsängsten. Diese muss man verstehen. Für Eltern ist es wichtig, dass sie eine Methodik an die Hand bekommen, mit der sie selber arbeiten können. Ihnen ständig konkrete Tipps zu geben, macht sie unselbstständig.

Diese Herangehensweise bedarf der Zeit. Viele Eltern haben - weil sie arbeiten und den Alltag bewältigen müssen - davon häufig nicht genug. Sie wollen dann Tipps haben, die sich schnell in die Praxis umsetzen lassen.
In den letzten 10 bis 15 Jahren fällt mir diese Tendenz auf. Tipps und Ratschläge können häufig aber nur vordergründig wirken. Einerseits wissen wir immer mehr über verschiedene "Erziehungstechniken". Andererseits hat das Wissen über die Entwicklung von Kindern damit nicht mitgehalten. D.h. die Grundvoraussetzung, dass Tipps überhaupt in der Erziehung greifen könnten, ist nicht gegeben. Ich erhalte viele Rückmeldungen von Eltern, die sich dafür bedanken, dass sie die Hintergrundinformationen zu den Entwicklungsphasen erhalten haben. Sie haben ein anderes Verständnis ihrem Kind gegenüber. Sie sagen auch, dass sie sich selbst nicht alles als Fehler anrechnen, weil sie wissen, dass das Kind in der Lebensphase nur so reagieren kann. Eltern berichten, sie werden auch großzügiger zu sich selbst. Ich glaube, darauf kommt es an.

Diese Herangehensweise entlastet Eltern. Sie erkennen, dass sie die Kinder "nur" begleiten auf dem Weg zum Erwachsenwerden.
Ja, dies ist ein ganz zentraler Punkt. Eltern sind heute aus verschiedenen Gründen unsicher und sie denken sehr schnell, dass sie etwas falsch machen. Schon vor ca. 30 Jahren habe ich die Erfahrung gemacht, dass Eltern erschreckt zurückweichen, wenn Ihnen von Experten gesagt wird, was sie möglicherweise alles falsch machen. Ich will Ihnen ein Beispiel geben: Wenn ich sage, Eltern dürfen den Fernseher nicht als Babysitter einsetzen und von 100 zuhörenden Eltern 90 dies sicher schon gemacht haben, fühlen sie sich "ertappt". Ich brauche dann gar nicht mehr weiter zu reden, denn sie sind nicht mehr bereit, mitzuarbeiten oder auch sich beraten zu lassen. Dies ist gegen jede Methodik der Therapie oder Beratung. Hinzu kommt, dass die meisten Tipps, die geäußert werden, nicht alltagsorientiert sind. Über die Dauer der empfohlenen Fernsehnutzung von Vierjährigen können sie häufig lesen, dass sie das Medium nicht länger als 10 min. nutzen sollten. Dies ist unrealistisch. Es gibt keine 10-minütigen Sendungen.

Kinder sind keine Computeridioten!

Kinder und Jugendliche jeglichen Alters können Fernsehsendungen finden - das Angebot ist geradezu unerschöpflich. Werden Kinder durch das Schauen von Nachrichten, Dokumentationen, Soaps, oder Actionfilmen in ihrem Weltbild beeinflusst?
Ja, dies kann schon sein. Aber man darf auch nicht vergessen, dass Jugendliche, die heutzutage so viele Medienangebote nutzen, auch die sind, die zu Beginn des Golfkrieges 2003 als erste auf die Straße gegangen sind. Es waren die 12- bis 13-Jährigen, die häufig als Computeridioten dargestellt werden, die ihren Widerstand ausgedrückt haben. Es entsteht von der Jugend ein komplett falsches Bild. Wenn man sich die Ergebnisse der modernen Jungendforschung anschaut, so wächst zurzeit eine sehr eingeständige und eine selbstbewusste Generation heran. Sie haben zum Beispiel sehr viel mehr Ahnung vom Computer und Internet als die 30- bis 50-Jährigen.

Viele Eltern und Lehrer kritisieren, dass die Kinder und Jugendlichen die Informationen zum Beispiel aus dem Internet gar nicht interpretieren, nicht mit Suchmaschinen arbeiten oder gefundene Ergebnisse auswerten können. Unterstützen Sie diese Meinung?
Nein, da muss ich den Eltern und Lehrern widersprechen, denn sie haben häufig auch keine Ahnung von den vielfältigen, positiven Einsatzmöglichkeiten des Computers. Es gibt nur wenige, die da kompetent sind. Viele verurteilen meines Erachtens Kinder und Jugendliche vorschnell. Ich denke, dass man vieles auch sehr viel entspannter sehen kann, denn die meisten Jugendlichen erfüllen ihre Entwicklungsaufgaben gut. Es gibt meines Erachtens an anderer Stelle sehr viel mehr Handlungsbedarf. Diese Probleme haben nur implizit etwas mit Medien bzw. Mediennutzung zu tun. Wir haben ein Problem im Bereich der Gesundheit, insbesondere im Bereich der krankhaften Fettsucht, der Adipositas. Viele Kinder und Jugendliche ernähren sich ungesund und entwickeln kein gutes Körpergefühl. Hinzu kommt schon bei Frühpubertierenden, dass sie zunehmend die süßen Alkopops trinken. Zurzeit haben viele Kinder psychosomatische Erkrankungen. Dies deutet darauf hin, dass sie häufig viel zu sehr "mit dem Kopf" erzogen werden. Der gesamte körperlich-motorische Bereich wird zunehmend als uninteressant hingestellt.

Kinder wollen toben

Welche Konsequenzen kann dies für die Jugendlichen haben?
Für Adipositas gibt es bisher nur wenige wirksame Therapien. Und dies ist wirklich ein Problem. Und man darf jetzt nicht annehmen, dass diese Kinder sehr viel Fernsehen schauen oder mit dem Computer spielen; dies ist eher eine Folge der Fettleibigkeit. Die Adipositas beginnt schon vor dem Kindergartenalter, weil die Kinder zu wenig spielen, toben oder sich motorisch ausprobieren. In Finnland, die am besten beim Pisatest abgeschnitten haben, werden seit 15 Jahren die Methoden des Kindergartens in die zwei ersten Schulklassen integriert; das Spielen, Ausprobieren, Toben hat einen hohen Stellenwert. In Deutschland gehen wir seit Pisa genau den umgekehrten Weg. Die Inhalte und Methoden der Schule sollen in den Kindergarten integriert werden. Dieser Ansatz orientiert sich nicht an den Entwicklungsbesonderheiten der Kinder. Diesen Weg halte ich für sehr problematisch.

Welche Konsequenzen kann dies Ihrer Meinung nach haben?
Da können wir in andere Länder schauen, wo dieser Leistungsdruck schon seit Jahren zum Leben der Kinder dazugehört. Wenn man die Schulergebnisse der japanischen oder der südkoreanischen Kinder mit den deutschen Kindern vergleicht, so schneiden die deutschen sehr viel schlechter ab. Dort aber gibt es eine erhöhte Anzahl psychosomatischer Krankheiten und die Selbstmordrate der Kinder zwischen 11 und 15 Jahren (Japan) ist um ein Vielfaches höher als in Deutschland. Auch dies zeigt, dass Kinder dort nicht zu Selbstbewusstsein kommen, nur weil sie oberflächlich betrachtet "mehr wissen". Sie sind unglücklich und lehnen ihren Körper ab. In diesen Ländern nutzen Kinder zum Beispiel schon sehr früh Computer. Meiner Meinung nach muss im Kindergarten nicht unbedingt ein Computer stehen. Wenn sie lernen, dann tun sie dies über das Spiel und wenn ein Computer eingesetzt wird, ist dies auch in Ordnung. Wichtig ist dann, dass sich die Computererziehung und -nutzung an die Bedürfnisse der Kinder anpasst und nicht umgekehrt.

Ich habe den Eindruck, dass wir die Heranwachsenden in ihrer Körperlichkeit alleine lassen. Fällt in Deutschland zum Beispiel fünf Wochen der Deutschunterricht aus, werden viele Demonstrationen veranstaltet; fällt ein halbes Jahr der Sportunterricht aus, rührt sich niemand. In der Basis stimmen viele Dinge nicht. Ich denke man muss ein Bewusstsein dafür schaffen, wie wichtig es ist, ein gutes Körpergefühl zu entwickeln.

Freunde sind wichtiger als Medien

Kommen wir nochmals auf die Mediennutzung der Kinder zurück. Man kann durch Berichterstattungen manchmal den Eindruck gewinnen, als würden Kinder dem Spielen mit Freunden das Spiel mit dem Computer vorziehen. Stimmt dies?
Alle Befragungen mit Kindern zeigen, dass ihnen am wichtigsten die Freunde sind, vor der Nutzung der Medien! Wenn Eltern häufig in die Lebenswelt der Kinder einbrechen, wie zum Beispiel durch die Kontrolle, was mein Kind spielt, wohin es geht, können die Medien irgendwann wichtiger werden als Freundschaften. Kinder mal in ihren Spielmöglichkeiten zu lassen, sie einfach nur zu beobachten und nicht einzugreifen, ist für Eltern nicht leicht. Das Spielen, das Toben ist für viele Eltern eher etwas Nutzloses. Es ist schwierig den Eltern klar zu machen, dass sie ihren Kindern die Freunde nicht aussuchen sollen. Und es fällt Eltern schwer, ihren Kindern zu vertrauen.

Eltern haben Angst um ihre Kinder. Vertrauen zu haben, ist schwierig - gerade bei Pubertierenden. Sie haben sehr das Bedürfnis, sich von ihren Eltern abzugrenzen. Warum eignen sich Medien und die Mediennutzung dazu?
Jede Generation hat ihre Symbole, um Eltern zu provozieren und zu reizen: Zum Beispiel über Kleidung, über die Art und Weise wie man spricht, über Jugendgruppen oder über Kultur. Diese Kultur - je weiter wir in die Gegenwart kommen - ist dann auch medial geprägt. Die Medien können eine ganz entscheidende Rolle spielen, eine eigene Kultur zu entwickeln; aber nicht in jeder Familie. Jede Familienkonstellation ist anders. In manchen Familien wird das Thema Essen ganz wichtig. Das, was Eltern besonders wichtig ist, wird gerade in der Frühpubertät in Frage gestellt. Medien können aber auch eine ganz andere Wichtigkeit bekommen. Jugendliche treffen sich, um gemeinsam Videos zu schauen. Bei diesen "Medienritualen" spielt die Gruppe eine entscheidende Rolle. Jugendliche, die gemeinsam solche Medienrituale pflegen, sind nicht das Problem. Etwas anders sieht es mit Jugendlichen aus, die sich mit den Medien zurückziehen und einigeln. Sie haben dann nicht den Gruppen-Zusammenhang; und dies war übrigens auch das Problem des Jugendlichen aus Erfurt. Der Junge hatte sich zurückgezogen. Daraus kann man niemanden einen Vorwurf machen, denn häufig bekommen solche Entwicklungen auch die Eltern nicht mit. Und dies hat nichts mit Vernachlässigung oder ähnlichem zu tun.

Warum ist die Gruppe so wichtig für Kinder und Jugendliche?
Es ist sehr wichtig, dass Pubertierende in einer Freundesgruppe sind. Denn diese Gruppen fangen die Ablösung vom Elternhaus etwas auf und damit sind sie für die Entwicklung der Kinder von äußerster Wichtigkeit. Wenn sich ein Kind aus dem familiären Zusammenhang löst, fühlt es sich frei und hat gleichzeitig Angst. Zeitgleich merken Eltern, dass sie nicht alles im Griff haben und es kommt zu Spannungen. Vielleicht hilft es in solchen Fällen, die Freunde des Jugendlichen mal einzuladen oder auch deutlich zu sagen, was man als Elternteil denkt. Gleichzeitig sollte dem Jugendlichen vermittelt werden, dass man ihn nicht kontrolliert. Man muss ein Kind im guten Sinne "loslassen"; dies ist ausgesprochen wichtig.

Haben Eltern dann nicht das Gefühl, dass sie dann gar keinen Einfluss haben auf die Entwicklung ihres Kindes?
Eines hat die Forschung gezeigt: Die Eltern als Basis für die Lebenstauglichkeit der Kinder ist sehr wichtig. Je mehr die Eltern ihre Kinder in ihren Kompetenzen stärken und bestärken, desto mehr trauen sich Pubertierende auch das Leben jenseits elterlicher Einflüsse und Wirkkreise auszuprobieren. Nicht deshalb, um die elterlichen Normen und Grenzen außer Kraft zu setzen, sondern um zu erkennen, was jenseits dieser Grenzen ist. Es ist wichtig, den Eltern Mut zu machen. Sie müssen wissen, dass die Normen und Grenzen, die sie ihren Kindern und Jugendlichen setzen, nicht sinnlos sind. Für Kinder und Jugendliche ist die Haltung der Eltern extrem wichtig; sie sollten sich nicht mit ihrer Meinung zurückhalten. Kinder brauchen die Reibung. Auf der anderen Seite bedeutet dies, dass Eltern wissen müssen, dass dieses "Loslassen" auch die Konsequenz haben kann, dass etwas schief laufen kann. Eltern müssen sich darüber im Klaren sein, dass sie alles richtig gemacht haben und dennoch kann es schief gehen.

Sicher fragen dann viele Eltern, was man dann machen kann, wenn das "losgelassene Kind" auf die schiefe Bahn kommt.
Das Schlimmste ist der Rückzug der Eltern, wenn Eltern sagen, dass sie nichts mehr mit ihren Kindern zu tun haben wollen. Eltern müssen gerade dann ihre Kinder annehmen.

Aber Eltern fühlen sich manchmal dazu nicht in der Lage.
Ja, dies ist verständlich. Dann muss man Eltern raten, dass sie sich Hilfe holen.

Andrea Grote, IBI - Institut für Bildung in der Informationsgesellschaft

 

Quelle: http://www.schau-hin.info

 

Wenn du einen Medien-Tipp hast, maile ihn bitte an:
info(at)4family.ch

Exclusiv bei 4Family:

Jan-Uwe Rogge
im 4Family-Interview

Link-Tipp:

Die Website von
Dr. Jan-Uwe Rogge
Bachstr.140
22941 Bargteheide

www.jan-uwe-rogge.de

interner Link:

4Family-Abend im Januar 2008 in Zürich: Pointierte Aussagen

DRS2-Interview:

Von Donnerstag, 07. Februar 2008, Kontext: Die private Chaos-Theorie: ein Plädoyer für das Durcheinander mit Kindern.  Hören oder Downloaden.