
In Vorbereitung auf einen spannenden Abend mit Jan-Uwe Rogge am 31. Januar 2008 in Zürich führte Gert-Christian Südel ein Interview mit dem beliebten Autor, Familienberater und Kommunikationsexperten.
Interview vom 30. 11. 2007 mit Jan-Uwe Rogge
4Family: Wie weit kann Erziehung bewirken, vernünftig mit Konflikten umzugehen? Und wie weit machen einem die Gene einen Strich durch die Rechnung?
Jan-Uwe Rogge: Na ja, natürlich ist jeder Mensch genetisch bedingt, aber Gene sind kein Schicksal. Sondern jeder Mensch hat die Aufgabe sich trotz seiner genetischen Voraussetzungen zu einem sozialen und moralischen Wesen zu entwickeln und da spielt die Erziehung eine massgebliche Rolle.
4Family: Wie sieht der heutige Erziehungstrend in deutschsprachigen Ländern aus. Setzen wir jetzt zu stark Grenzen oder ist das Pendel schon wieder auf der anderen Seite?
Jan-Uwe Rogge: Nein. Es hat ja nie eine grosse Pendelbewegung gegeben. Ich denke mal, dass sich Eltern von der virtuellen Erziehungsrealität in den Medien nicht beeinflussen lassen ? oder von der Realität wie die Medien sie darstellen. Auch zu Zeiten der antiautoritären Erziehung wurden Grenzen gesetzt und wurden Regeln formuliert. Die meisten Eltern bemühen sich auch heute Regeln zu formulieren. Sie sind allerdings häufig verzweifelt oder sind dann wenig erbaut wenn es nicht klappt. Ich glaube, der Grossteil der Eltern bemüht sich. Dann gibt es ein Drittel, das in der Tat nach wie vor sehr enge Grenzen setzt. Dann gibt es auf der anderen Seite Eltern, die ?laissez-faire? machen. Da ist immer alles drin.
4Family: Genau, eine gute Mischung. Sie haben eben die Medien genannt. Es gibt ja Einiges, was in den Medien ziemlich hochgespielt wird, wie Straftaten bei Jugendlichen. Wenn man sich die Statistik genauer ansieht, dann sieht man, dass die Leser/Zuschauer wirklich verrückt gemacht werden. Und worüber jetzt auch sehr viel in den Schweizer Medien berichtet wird, das sind psychische Störungen und Probleme bei Kindern und Jugendlichen. Hat das wirklich zugenommen, oder??
Jan-Uwe Rogge: Na ja, man muss natürlich immer zwei Sachen unterscheiden. Auf der einen Seite haben die zerstörerischen Straftaten bei Jugendlichen in der Tat in den letzten zehn Jahren objektiv abgenommen. Das ist das Eine. Jedoch im hohen Erwachsenenalter bei den 65- bis 75-jährigen, da haben Straftaten, Gewalttaten in der Tat zugenommen. Das Zweite ist, dass man viel zu wenig sieht, dass es beispielsweise immer mehr Jugendliche gibt, die die Aggressionen nach Innen richten, in Form von Krankheiten, in Form von psychosomatischen Störungen. Und das hat in der Tat zugenommen. Wobei man sehr vorsichtig sein muss mit einem Begriff der Zunahme, weil natürlich vor 50 Jahren ein Begriff wie psychosomatische Erkrankung noch keine Kategorie war. Aber wer mit Jugendlichen zu tun hat, der spürt, der erfährt, dass gerade dieser Teil der psychosomatischen Erkrankung, der nach innen gerichteten Aggression, zugenommen hat.
4Family: Haben Sie eine Ahnung woran das liegen kann?
Jan-Uwe Rogge: Es hat sehr viel damit zu tun, dass wir uns in der Erziehung sehr stark auf das Kognitive konzentrieren, dass wir uns auf das Intellektuelle konzentrieren, dass wir aber das, was im positiven Sinne die Körperlichkeit anbetrifft, mehr oder minder ausgrenzen. Selbstbewusstsein ist eine Frage des Körperbewusstseins. Nur wenn ich in meinem Körper zuhause bin, dann bin ich bei mir selbst. Dieser Zusammenhang wird viel zu wenig reflektiert. Selbstbewusstsein wird viel zu stark, viel zu sehr über immer-mehr-wissen-immer-klüger-sein definiert. Pestalozzi hat einmal gesagt, das Verstehen kommt von Stehen. Also das heisst, nur wenn ich in der Welt stehe, wenn ich geerdet bin, kann ich verstehen. Und dieser Teil der Erziehung hat immer noch einen viel zu geringen Stellenwert.
4Family: Da passt die nächste Frage gleich gut. Wenn sie einen Wunsch frei hätten, im Erziehungsbereich, was wäre das?
Jan-Uwe Rogge: Das ist natürlich jetzt schwer zu sagen. Aber der wichtigste Wunsch den ich hätte ist, dass Kinder so angenommen werden wie sie sind, und nicht wie man sie gerne hätte. Erziehen hat nicht mit Ziehen zu tun, sondern etwas mit Begleiten und wachsen lassen zu tun. Wenn ich einen Grashalm halte, den ich ziehe damit er schneller wächst, dann wird er irgendwann wurzellos. Ich denke, was unsere Kinder heute brauchen, sind Wurzeln, damit sie wachsen können.
4Family: Ich habe in Ihren Interviews gelesen, dass sie immer wieder Wert darauf gelegt haben, dass Werte vermittelt werden.
Jan-Uwe Rogge: Ja, Werte. Ich hab Ihnen ja den wichtigsten Wert schon gesagt. Der wichtigste Wert ist Selbstbewusstsein. Und Selbstbewusstsein bekommen Kinder nur, wenn sie das Gefühl haben bedingungslos angenommen zu sein. Das ist der wichtigste Wert überhaupt.
4Family: Gibt es bei der Erziehung ihres Sohnes irgendeinen Fehler den sie nicht gemacht haben.
Jan-Uwe Rogge: Wenn man erzieht, als Vater, als Mutter, dann macht man Fehler. Und Fehler gehören zur Erziehung dazu. Wer fehlerfrei erzieht, erzieht nicht, sondern ist ein pädagogischer Terminator und das sind schreckliche Menschen.
4Family: Das Eltern Fehler machen, ist für mich nachvollziehbar. Aber dass sie sich häufig nicht darum kümmern, was ihre Kinder machen, bereitet mir Unbehagen. Im Moment beschäftig mich besonders die Ahnungslosigkeit der Eltern, wenn es um die neuen Medien geht. Mich erschreckt natürlich auch, wenn ich sehe was im Internet alles passieren kann und wie schnell kleine Kinder z. B. pornografiesüchtig werden können. Aber noch mehr erschreckt mich die Ahnungslosigkeit der Eltern, wenn sie sagen: ?Ach, meine Kinder die chatten aber da kümmere ich mich nicht drum, die kennen sich technisch besser aus als ich.? Und sie sehen überhaupt nicht, dass sie eine Erziehungsaufgabe haben, die sie wahrnehmen müssen. Wie kann ich über 4family oder anderweitig auf Eltern einwirken, dass sie aufwachen und einmal einen Kurs besuchen, wie z. B. einen Elternkurs für Internet? Oder dass sie sich bei diesen fantastischen Websites wie fit4chat einmal informieren und dann mit ihren Kindern zusammen setzten.
Jan-Uwe Rogge: Es ist kein neues Problem. Wir haben das Thema durchgängig bei allen Medien gehabt. Wir haben es beim Fernsehen, beim Video und beim Computer gehabt, dass Eltern immer dann, wenn etwas Neues auftaucht, eher eine laissez-faire-Haltung eingenommen haben, weil sie sich nicht darauf eingelassen haben. Ich denke es ist wichtig, sich für das zu interessieren, was Kinder interessiert. Das ist eben auch zum Beispiel das Internet. Jedes Ding hat immer zwei Seiten, hat eine positive Komponente, hat eine negative Komponente. Das gilt fürs Internet auch. Es hat eine Chance. Es ist wichtig. Und auf der anderen Seite hat es eben auch seine problematischen Aspekte. Und so wie sich Eltern um alles kümmern was Kinder betrifft ? was im weitesten Bereich den Konsum betrifft ? so müssen sie sich jetzt eben auch für diesen Teil interessieren. Sich wirklich darauf einlassen. Vor allen Dingen nicht nur auf die Technik einlassen sondern auch für die Kinder interessieren, die sich darauf einlassen. Den Kindern zu zeigen, ?es interessiert mich, was du machst?, und, was ich wichtig finde, nicht nur unter dem Aspekt der Reglementierung, des Verbotes sondern auch des Interesses. Wenn ich mich interessiert zeige, kann ich auch Regeln formulieren, kann ich auch Grenzen formulieren.
4Family: Ja, mir ist das schon klar. Aber wie kann ich Eltern motivieren, die in diesem Bereich wirklich träge sind und sich nicht kümmern? Gibt es da etwas, womit man sie wachrütteln kann?
Jan-Uwe Rogge: Das kann ich nicht. Gar nicht. Wir müssen loslassen. Wir müssen bei Medienfragen loslassen, genauso wie ich Eltern loslassen muss, die sich für Erziehungsfragen - und Nutzung der Medien ist ja ein Teil der Erziehung - im weitesten Sinne nicht interessieren. Ich kann nur loslassen. Ich kann vor allem mit den Eltern arbeiten die Interesse haben, die unsicher sind. Ansonsten habe ich keine Chance. Das hat etwas mit loslassen zu tun.
4Family: Gut. Ich versuche die Übung einmal ? auch wenn es schwer fällt. Danke.
Ja, meine Kollegin wollte noch wissen: ?Warum sind Sie so erfolgreich??
Jan-Uwe Rogge: Weil ich gut bin.
4Family: Weil sie gut sind? Punkt?
Jan-Uwe Rogge: Nein, ich denke weil ich Eltern annehme. Weil Eltern sich bei mir aufgehoben fühlen, geborgen fühlen. Weil ich sie so annehme wie sie sind. Weil ich nicht von oben herab belehre. Weil ich Eltern dort abhole, wo sie sind. Weil meine Bücher interessant geschrieben sind. Weil ich einfach interessante Vorträge mache. Ich glaube, es ist eine Vielzahl an Faktoren.
4Family: Ja, und einen Ihrer Vorträge werden wir demnächst erleben: ?Chaos ist das halbe Leben, und keine Familie ist perfekt..? Ich freue mich schon darauf, auf den 31. Januar in Zürich.
Ich habe jetzt noch zwei Abschlussfragen. Sie hängen zusammen: Welche Hauptbotschaft kann ich meinem Kind mitgeben und was darf ich auf keinen Fall sagen?
Jan-Uwe Rogge: Das Wichtigste ist, dass das Kind bei mir das Gefühl hat, dass es angenommen ist, wie es ist. Das ich es nicht ziehe, sondern dass ich es ins Leben begleite. In jedem Augenblick. Dass ich das Kind und auch mich in meiner Unvollkommenheit annehme. Und meistens sage ich den Eltern nicht was sie unbedingt machen müssen, sondern ich sage, was positiv zu verändern wäre. Eltern müssen das Gefühl haben angenommen zu sein. Und der zweite Gedanke ist, als Elternteil dazu zu stehen, dass wir auch älter werden. Nicht die Nummer ?young forever? zu machen. Wer Kinder hat, ist mit den Kindern nicht gleichrangig, sondern man ist eine Generation älter, man hat Erfahrungen und muss sich nicht mit dem Kind gemein machen.
4Family: Ja, dann bedanke ich mich recht herzlich und freue mich auf ein Wiedersehen im Januar.
Gert-Christian Südel
