Klaus-Dieter Rückauer im Kirchgemeindehaus Luzern

Vortrag und Präsentation von

Prof. Dr. med. Klaus-Dieter Rückauer
Leiter der Kinderchirurgie Chirurgische Universitätsklinik Freiburg, Deutschland, Mitglied des Vorstands der Bezirksärztekammer Südbaden,
Vater von 9 Kindern.

?Ein Kind ist kein kleiner Erwachsener.?

Es war zu merken, dass Prof. Rückauer sich etliche Wochen auf seinen Vortrag vorbereitet hatte. Aus einer Fülle von Material zum Thema Erziehung hatte er schliesslich einige Punkte ausgewählt, die ihm wichtig erschienen. Sein PowerPoint-Präsentation begann mit dem Satz: ?Ein Kind ist kein kleiner Erwachsener.?

Wunschdenken


?Die Schule sei getragen von der Liebe zur Jugend und der Freude an ihrem natürlich sich entfaltenden Leben. Frohsinn und Heiterkeit dürfen nicht fehlen, so sehr auch der Ernst ihrer Aufgabe die Arbeit bestimmt.?
Bildungsplan für Hessen 1956

Aktuelle Situation

  • Fast alle Schulkinder haben ein Handy
  • sehr viele frühstücken alleine oder gar nicht; sie erhalten von den Eltern Geld für das Essen in der Pause
  • 31 % der Schüler leiden unter Kopfschmerzen, Nervosität, ständiger Müdigkeit
  • In manchen Schulklassen befinden sich über 50% der Schüler in einer Therapie
  • Zitat eines älteren Lehrers:
    ?Die Eltern sind heute anders?

Das Benutzen von vielen Abkürzungen (vllt. für vielleicht) beim Versenden von E-Mails und SMS führt zu einer Verflachung der Sprache. Jugendliche schreiben durchschnittlich 20 SMS pro Tag. Sie nutzen das Handy, selbst wenn sie sich im gleichen Raum aufhalten wie der Empfänger! Kommen Menschen sich dadurch näher, dass sie so unglaublich viel mit einander telefonieren?

Früher haben Kinder sich am Familienverbund Mutter und Vater orientiert. Heute orientieren sie sich durch den Zugriff auf die Medien an der ganzen Welt. Das führt zu einem Werterelativismus, einer Verschiebung der Massstäbe. Wenn Kindern und Jugendlichen immer wieder vorgeführt wird, dass z. B. Untreue in der Ehe und Unehrlichkeit beim Ausfüllen der Steuererklärung ohne Folgen bleiben, übertragen sich diese Werte auf die Jugendlichen. Sie halten dieses Verhalten für normal.

Was soll einen 43-Jährigen dazu bringen, plötzlich ehrlich zu werden, wenn er als Jugendlicher immer mit seinen Notlügen durchkam, weil die Eltern nicht einschritten?

Kinder leben heute in einer Welt der Erwachsenen, in der es um Jobs, Karriere und Geld geht, in der sie mit berufstätigen Eltern, Scheidungen, neuen Beziehungen oder allein Erziehenden konfrontiert werden.

In den 70-er-Jahren wurden den Kindern Freiräume verschafft. Die haben sie inzwischen. Jetzt brauchen sie wieder Grenzen. Denn ohne Grenzen haben sie keine Orientierung, das führt zu Haltlosigkeit und fehlender Sicherheit.

Entwicklungspsychologie


Laut Adolf Portmann (1897 ? 1982) ist ein Baby eine ?physiologische Frühgeburt?. Das erste Lebensjahr ist eine Schwangerschaft ausserhalb des Mutterleibes, weil das Kind völlig von seiner Umwelt abhängig ist. Im ersten Lebensjahr wird durch die Bezugspersonen die psychische Entwicklung geprägt. Kann sich in dieser Zeit z. B. die Bindungsfähigkeit nicht entwickeln, wird der Mensch sich sein ganzes Leben lang einsam fühlen.

Die Familienstruktur / -atmosphäre wird durch den Erziehungsstil geprägt:

  • demokratisch (Verständnis, Neugierde unterstützen, Gefühlswärme, Kontakt und Schöpferisches fördern)
  • streng (zahlreiche Regeln, Verbote, Einschränkungen, Disziplinierung)
  • permissiv (Freizügigkeit, Fürsorge, Überprotektion, Vernachlässigung, geringe Ansprüche)

In der Entwicklung vom Kleinkind bis zur Pubertät durchläuft das Kind verschiedene Phasen, von der Verlustangst, die Bezugsperson für immer zu verlieren, über das ?Nein = Ich will Position beziehen? bis zur Ich-Suche: ?Wer bin ich??

In jeder dieser Phasen braucht das Kind entsprechende Begleitung und Führung.

Erziehung


Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutz der staatlichen Ordnung.
Pflege und Erziehung sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht. Über ihre Betätigung wacht die staatliche Gemeinschaft.
Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland, Artikel 6,1 und 6,2

Einen jungen Menschen nicht zu fordern, ist eine Form der Misshandlung.
?Ich fordere dich, weil ich dich achte.?
Johann Heinrich Pestalozzi (1746 ? 1827)

Das Fürsorgeprinzip und die Autonomie des Kindes stehen häufig im Widerspruch zu einander. Es braucht viel Liebe für das Kind, um hier einen guten Mittelweg zu finden.

Aber
?Ein Kind verträgt viel Vater.?
Zitat Klaus-Dieter Rückauer

Vermittlung von Werten


Die Verzweiflung der heutigen Jugend rührt von einem existentiellen Vakuum, wo jeder Mensch der Mittelpunkt seines eigenen Universums ist, wo geleugnet wird, dass es irgendwelche Forderungen gibt, die von außerhalb seiner selbst kommen.
Victor Frankl (1966)

Wenn wir unseren Kindern nicht ausreichend Disziplin vermitteln, wird es die Gesellschaft auf eine Weise tun, die uns nicht gefallen wird.
David O. McKay (1873 ? 1970)

Denn wenn Eltern ihren Kindern nicht Werte wie Arbeit, Sozialverhalten, Toleranz und Menschenbild vermitteln, wird die Welt von ihnen angepasstes Verhalten fordern und ihnen mit Gruppendruck und Drogen begegnen.

Kognitive Entwicklung des moralischen Urteils
Lawrence Kohlberg (1927 ? 1987) 1958
1. Stufe: Egozentrismus (Lust / Schmerzvermeidung)
2. Stufe: Hedonismus (Kosten-Nutzen; Belohnung / Strafe)
3. Stufe: Konformität (Erwartungen an Bezugspersonen; Anerkennung)
4. Stufe: Gewissen (soziales System; Recht und Ordnung)
5. Stufe: Sozialvertragsdenken (Einsatz für die Gemeinschaft)
6. Stufe: universelle ethische Prinzipien (Vernunft und Moral; kategorischer Imperativ)
Die sechste Stufe wird nur von einem Viertel der Menschheit erreicht.

Dass man besser durch Vorbild und Beispiel lernt als durch Worte, demonstrierte Klaus-Dieter Rückauer eindrücklich. Er bat eine junge Frau ihm Anweisungen zu geben, wie er seine Jacke anziehen solle. Bei diesem Experiment wurde deutlich, wie viele Worte man für eine so kleine, gewöhnliche Aktion machen muss und wie leicht es dabei zu Missverständnissen und Fehlinterpretationen kommt. Die junge Frau forderte ihn auf, mit der rechten Hand durch den linken Ärmel zu schlüpfen. Selbst wenn sie nicht die Seiten verwechselt hätte, wäre der Redner nicht korrekt angezogen gewesen. Denn er fuhr auch noch von Aussen nach Innen in den Ärmel.

  • Das passiert, wenn man nach einer mündlichen Anleitung eine Jacke anziehen soll!

Der 4Family-Geschäftsführer Gert-Christian Südel demonstriert, was beim Anziehen einer Jacke schieflaufen kann.

Religion


Der Herr wirkt von innen nach außen. Die Welt wirkt von außen nach innen. Die Welt will die Menschen aus den Elendsvierteln holen. Christus holt das Elend aus den Menschen, und dann holen sie sich selbst aus dem Elendsviertel. Die Welt will die Menschen formen, indem sie ihre Umwelt ändert. Christus ändert die Menschen, die dann ihre Welt ändern. Die Welt will das menschliche Verhalten formen, aber Christus verändert das menschliche Wesen.
Ezra Taft Benson (1899 ? 1994)

Fazit


Die folgenden Schlüsselwörter prägen eine verantwortungsvolle Erziehung:

  • Zuwendung
  • Sicherheit, Kümmern
  • Selbstbewusstsein
  • Freizügigkeit
  • Glaubwürdigkeit
  • Vorbild
  • Regeln
  • Grenzen
  • Konsequenzen
  • Traditionen
  • Liebe
  • Würde
  • Kind Gottes


Klaus-Dieter Rückauer verwendete bei seiner Präsentation noch eine ganze Reihe ausgesuchter Sprichwörter und Zitate. Zur Vertiefung des Themas werden wir sie auf unserer 4Family-Website im März veröffentlichen.

 

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