
Veranstaltungsreihe "Stärkung des Kindes durch Partizipation" ? Amt für Volksschulbildung 2006.
1. Einleitung
Das Amt für Volksschulbildung stellt seine diesjährige Veranstaltungsreihe unter das Motto "Stärkung des Kindes durch Partizipation". Äusserer Anlass sind die Kampagne "Stark durch Erziehung" sowie das 10-Jahre-Jubiläum der Ratifikation der Kinderrechte durch die Schweiz. Der Zusammenhang ist offensichtlich: Kinder und Jugendliche sollen gestärkt resp. zunehmend in grössere Freiheiten eingeführt und zu einem eigenständigen Leben befähigt werden. Etwas pointierter formuliert: Sie haben ein Recht auf Persönlichkeitsbildung oder moderner Selbstkompetenz, die sie ermächtigt, das Leben zu meistern und auch zu verantworten.
Damit aber ergeht an uns Erwachsene der unmissverständliche Auftrag, die Erziehung stark zu machen und das Erziehen nicht zu vernachlässigen oder gar zu unterlassen. Der Mensch kann nur Mensch werden durch Erziehung. Erziehung hilft Kindern und Jugendlichen ihre Wesensform zu verwirklichen, ihre optimale Seinsform zu finden. Erziehung ist so betrachtet ein Humanisierungsprozess, der alle anzugehen hat: Schule, Elternhaus, Wirtschaft und Politik. Erziehung als Prozess der Menschwerdung ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, sofern die Gesellschaft eine menschliche, emanzipatorische und demokratische sein will.
Ich gestehe: Die folgenden Ausführungen hören sich an wie das leidenschaftliche Plädoyer für eine erzieherische Haltung, die eine gesamtgesellschaftliche ist. Mich stört das nicht! "Erziehung stark machen" aber heisst, Erziehung als eine Haltung oder philosophischer eine Seinssituation zu begreifen. Erziehung oder Pädagogik lässt sich nie nur auf eine bestimmte Tätigkeit oder gar eine bestimmte Technik reduzieren. Erziehen verstanden als die Kunst des Erziehens umfasst weit mehr als die geschickte Anwendung von Tools oder die Zahlenhuberei einer Vermessungspädagogik, die Quantifizierbarkeit zum Fetisch macht.
Ich beginne meine Überlegungen mit der grundlegenden Frage nach der Bildsamkeit des Menschen. Sie ist Ausgangs- und Referenzpunkt meines Nachdenkens über Erziehung. Von der Beantwortung dieser Frage hängt ab, ob Erziehung überhaupt veranstaltet werden muss und was darunter allenfalls zu verstehen wäre.
© roland neyerlin

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