
Veranstaltungsreihe
"Stärkung des Kindes durch Partizipation"
? Amt für Volksschulbildung 2006.
2. Die Frage nach der Bildsamkeit des Menschen
Ist der Mensch lern- und erziehungsbedürftig oder kann er sich ohne gezielten Einfluss und Förderung selbständig entwickeln? Ist der Mensch erziehungsfähig? Verändert er sich durch Lernen, Erfahrung und Milieueinflüsse? Welche Folgen treten ein, wenn Erziehung, Pflege und Fürsorge ausfallen oder gestört werden? Die anthropologischen Forschung beantwortet diese Fragen einstimmig und plausibel: Der Mensch benötigt Erziehung und kann sich ohne Pflege, Fürsorge, Zuwendung und Bildung nicht ausreichend entwickeln.
Der Mensch als ein Weltneuling ist weder ein reines, weisses, unbeschriebenes Blatt, noch ist er restlos determiniert oder gar Träger eines strikten Entfaltungsplanes. Was wir mitbringen, sind lediglich Dispositionen, die sich erst in der Auseinandersetzung mit der Welt realisieren. Wir reifen nicht durch Selbstdifferenzierung, sondern durch Kontakt mit der Umwelt.
Kurz: Wir Menschen sind grundsätzlich bildsame Wesen, ohne deswegen beliebig form- und verformbar zu sein. Erziehung ist also nicht nur eine Möglichkeit, sondern eine Notwendigkeit für die Menschwerdung des Menschen. Der Mensch, so formuliert es Immanuel Kant in seiner Pädagogikschrift, wird nur durch Erziehung zum Menschen. Er ist nichts, als was die Erziehung aus ihm macht.1
Wären wir Menschen nicht bildungsfähig, wir könnten getrost auf Erziehung verzichten und uns das mühsame Geschäft ersparen. Erziehung als Notwendigkeit setzt die Vorstellung von der Bildsamkeit des Menschen voraus. Erziehung ist Bildung, Menschenbildung im besten Sinne. Die Menschwerdung des Menschen entpuppt sich beim genaueren Hinschauen als ein Erziehungsauftrag, der gleichzeitig ein Bildungsauftrag ist und umgekehrt.
Im Griechischen bedeutet das Verb paideúein gleichviel wie ein Kind erziehen, bilden und unterrichten, belehren, zurechtweisen, unterweisen, ausbilden, dressieren, gewöhnen, strafen. Pädagogen waren Lehrer, Erzieher und Erziehungswissenschaftler zugleich. Und nur wer es verstand, alle diese erzieherischen Möglichkeiten auszuschöpfen und sie miteinander in Beziehung zu setzen, verstand sich auf die Kunst des Erziehens. Ein guter Lehrmeister resp. eine gute Lehrmeisterin unterrichtet, bildet und verfügt über das ganze Repertoire pädagogischer Möglichkeiten ? egal ob er Malermeister, Schulmeister oder sie Zen-Meisterin ist. Ich weiss, wir leben im Zeitalter des Spezialistentums und der Arbeitsteilung. Doch wer Bildung, Erziehung und Unterricht ständig akribisch auseinander zu dividieren versucht, verfehlt das Wesen der Erziehung resp. der Pädagogik gründlich. Es gibt keine Pädagogik des Entweder-Oder, nur eine des Sowohl-Als-Auch. Pädagogik und Erziehung sind synonyme Begriffe und umfassen das ganze Spektrum von Handlungsmöglichkeiten. Damit ist noch nicht gesagt, dass alle immer alles und gleichzeitig können und machen müssen.
1 vgl. Kant, Immanuel; Über Pädagogik, in: Immanuel Kant; Werke in 12 Bänden (Hrsg. Weischedel, Wilhelm), Frankfurt a.
M. 1968, Bd. 7, S. 699
© roland neyerlin

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