Jonathan während eines Ausflugs
Gerda Stubbe-Griell

Interview

"Es geht immer weiter"

4family hatte die Gelegenheit, mit der Österreicherin Gerda Stubbe-Griell (52)ausführlich zu sprechen. Sie hat 6 Kinder zur Welt gebracht und vor zehn Jahren eines davon durch einen tragischen Unfall verloren. Im Gespräch schildert sie, wie sie damals damit umging und auch, und was dieser Vorfall für Auswirkungen auf ihre Familie hatte.

- Herkunft und Familiengründung

4family: Um deinen sozialen Hintergrund zu verstehen: Kannst du uns bitte kurz die Umstände deiner Kindheit und Jugend schildern?
Gerda: Ich wuchs in Linz in Oberösterreich als Drittälteste von sieben Kindern auf. Unsere Wohnung war eng. Als ich sechzehn Jahre alt war, wurde das Haus, welches mein Vater eigenhändig erbaut hatte, fertiggestellt und wir hatten endlich mehr Raum.
Ich absolvierte nach der obligatorischen Schulzeit das Gymnasium, danach die Höhere Lehranstalt für Frauenberufe.

4family: Unter welchen Umständen hast du geheirat?
Mein damaliger Mann und ich lernten uns in jungen Jahren kennen und heirateten dann relativ schnell. Das war 1976.  Ich bekam mit 19 das erste Kind. Der Kinderwunsch war sehr gross gewesen bei mir.
Unsere Kinder heissen: Nina (Geburt 1977), David (1978), Benjamin (1982), Samuel (1985), Miriam (1987) und Jonathan ( 1990).
Sie arbeiten in unterschiedlichen Berufenwie im Softwarebereich, in der Buchhaltung , als Fitnesstrainer und sind teilweise noch in Ausbildung in der  Ergotherapie und Physiotherapie.

4family: Wie habt ihr als Ehepaar die anfallenden Aufgaben aufgeteilt?
Wir lebten im Prinzip die so genannte "klassische Rollenverteilung". Hausarbeiten wie Putzen und Kochen waren halt notwendig und mussten regelmässig getan werden. Doch es war meine Rolle als Mutter und Erzieherin, welche ich mit Leib und Seele lebte und die mich auch sehr erfüllte.

4family: Wenn du an diese erste Zeit als Mami zurückdenkst, was kommt dir da als erstes in den Sinn?
Mir war stets der Zusammenhalt mit den Kindern das wichtigste Anliegen. Ich war auch dankbar, dass ich dies "full time" tun konnte, ohne zusätzlich auswärts zu arbeiten. Beispielsweise buken wir fast täglich zusammen Brot. Im Sommer schwammen wir beinahe täglich im Alten Rhein. Gemeinsames Basteln war eine andere, geliebte Tätigkeit. Oft las ich aus Büchern vor, als die Kinder noch kleiner waren.  Später versammelten wir uns in der warmen Stube, jeder verkroch sich mit einem Buch in eine andere Ecke. Dies sind unwahrscheinlich schöne Erinnerungen. Lesen ist eine grosse Leidenschaft von mir, und wohl auch dadurch wurde es dies auch für die meisten unserer Kinder. Sie konnten  schon sehr früh lesen und schreiben, sie ahmten es nach, weil es meine Lieblingsbeschäftigungen waren. Mein mütterlicher Ehrgeiz zeigte sich in der Erwartung guter Schulnoten (das war mir sehr wichtig) und da lernte ich im Laufe der Jahre einiges dazu.

4family: Gibt es etwas aus dieser Zeit, was du aus heutiger Sicht anders machen würdest oder was dir gar ein wenig peinlich ist..?
Ein Tick von mir war: Die Kinder mussten immer total sauber und frisch gekleidet sein. Wegen den Leuten, das muss ich zugeben. Die Leute sollten sehen, dass ich es wirklich im Griff hatte, sechs Kinder aufzuziehen. Und dass keines der Kinder schmutzig oder mit löchrigen Hosen umherlaufen musste, weil ich überfordert war...
Aber insgesamt kann ich wohl zufrieden sein mit dieser Zeit. Ich genoss diese Jahre. Durch den relativ grossen Altersunterschied der Kinder  und ihre Anzahl war ich ja viele Jahre lang hauptsächlich Mami...

4family: Wie erging es euch auf der materiellen Ebene? Sechs Kinder kosten ja auch etwas...
Wir lebten äusserst einfach, gingen kaum in den Ausgang und holten durchaus mal ein Fahrrad vom Strassenrand, welches jemand anders nicht mehr wollte. Wir lebten lange Jahre ganz einfach - nicht nach dem Standard, den unser monatliches  Einkommen eigentlich erlaubt hätte.
Heute denke ich manchmal: Wieso haben wir das Leben nicht etwas mehr genossen in dem Sinne, dass wir auch mal mit den Kindern verreist wären? Die ersten Jahre galten dem Hausbau und dann sparten wir für später. Das Alltagsleben war aber schon sehr stressig.

4family: Kannst du etwas dazu sagen, ob und  falls ja, wie sich  euer Rollenverständnis mit der Zeit änderte?
Mein Mann hatte immer viel zu tun, war beruflich sehr engagiert und leistete auch ehrenamtlich Enormes. Er unterstützte mich jedoch immer, wenn ich Bedürfnisse äußerte.
Es war eine sehr anstrengende Zeit für uns beide und ich trug viel auf meinen Schultern. 


- Der Unfall

4family: Dein jüngster Sohn starb, als er 10 Jahre alt war. Kannst du beschreiben, wie es zum Tod von Jonathan kam?
Im März 2000 spielte  Jonathan hinterm Haus. Ich war ein paar Tage zuvor gerade von einer Reise aus Australien zurückgekehrt. Seine Grossmutter hatte während dieser Zeit auf ihn und die anderen, die noch zuhause wohnten, aufgepasst. 5 Wochen zuvor hatte sie (meine Schwiegermutter) ihren Ehemann nach 50jähriger, guter Ehe wegen eines Krebsleidens verloren.
Am besagten Tag holte unser Sohn Jonathan ein Seil aus dem Keller, klemmte es sich unter den Arm und begab sich zum Rand des Waldes, gleich hinter unserem Wohnhaus. Aus einem Buch, welches er in der Bibliothek ausgeliehen hatte, übte er oft wie man fachmännisch Knoten knüpft. Er liebte es zu klettern.
Ich war währenddessen damit beschäftigt, eine Rede über das Thema Gebet vorzubereiten und änderte ein Kleid für meine Schwiegermama um. Da wurde mir bewusst, dass Jonathan schon lange draußen spielte und ich wollte nach ihm sehen. So öffnete ich die Haustüre, als ein Nachbar mit schreckgeweiteten Augen auf mich zulief und nach einer Schere rief.
Fassungslos erblickte ich Jonathan auf einem Baum, an einem Ast in der Luft hängend - das Seil um die Brust geschlungen. Ich konnte es nicht fassen, welches Bild sich mir da bot! Sofort lief ich weinend mit dieser schrecklichen Botschaft ins Nebenhaus und der Nachbar schnitt mit der Gartenschere das Seil durch und legte Jonathan auf einen Stein. Er sah wunderschön und  friedlich wie ein Engel aus.
Seine Schwester Miriam, damals 13 Jahre alt, kam hinzu. Ihr fiel der Traum ein, den sie Jahre zuvor träumte ? es war diese Situation! Wir erinnerten uns beide wieder daran, wie sie mir eines Morgens in Panik davon erzählte.Damals tröstete ich sie und dann war es vergessen.
Der Notarzt bestätigte, dass beim Herunterspringen ein starker Schlag mit dem Seil auf die Hauptschlagader am Hals, den sofortigen Tod herbeigeführt hatte.
Wie berührend war es für mich, als ich Jahre später, in Aufregung darüber , dass der Baum gefällt wurde, als Adventfreude dieses Geschenklein von einer Kundin erhielt. Sie wusste nicht, dass dieser Anblick des Engels genau meinem letzten Anblick von Jonathan entsprach. Seither  bekomme ich jedes Jahr in der Adventzeit neues Deko von ihr. Für meinen Jonathan-Engel!

4family: Ist es nicht schwierig, so nahe beim Unfallort deines Sohnes zu wohnen?
Nach wie vor hier zu wohnen empfinde ich nicht als schlimm. Viele Leute fragen das. Ich fühle mich meinem Sohn hier nahe. Andere Begleitumstände waren schwieriger. Zum Beispiel, dass  meine Schwiegermutter  in ihrer großen Not und Trauer unendlich litt und kein Platz für meine Trauer da zu sein schien, das empfand ich in manchem Moment so ungerecht! Weil ich mit mir selber genügend beschäftigt gewesen wäre.
Was mir ganz wichtig ist zu betonen: ?Niemand war an diesem Unfall schuld?, war die erste Aussage des Notarztes. Zum Glück empfanden wir es als Familie auch so.

4family: Wie muss man sich die Zeit unmittelbar nach einem solchen Ereignis vorstellen?
Die erste Zeit war einfach nur fürchterlich ? ich war wie betäubt.
Ich hatte schon länger Angst, ein Kind zu verlieren. Und nun war es eingetroffen! Was für ein elender Schmerz! Ich musste ja irgendwie funktionieren, zwei Kinder lebten noch zuhause. .  Ich mochte kaum mehr kochen, alles erdrückte mich. Einerseits war dieser wahnsinnige Schmerz fühlbar, andererseits fühlte ich mich oft dem Himmel so nahe.
Ich spürte von ganzem Herzen, dass es ein Leben nach dem Tod gibt.
Ich fühlte, dass der Himmlische Vater sich um mich sorgt und liebe Menschen schickt,. Und zwar immer dann, wenn Hilfe gebraucht wurde.
Eine Freundin musste in Anbetracht dieser schlimmen Umstände ihre Migräne verarbeiten, indem sie für jeden in meiner Familie ein Gedicht schrieb.
Meines ist mir besonders kostbar:

Für Jonathan
Für Gerda
Und wieder sind es Wehen, die mich beben machen,
Schmerz, der mich durchzieht in Wellen
Als brande all mein Sinnen nur am Fels.
Und wieder ist es neues Leben, in das ich dich entlasse, geliebtes Kind,
getragen, gewiegt, geleitet,
gelassen habe ich dich gebettet an diesenStrand der Liebe.
Und wieder  denke ich an deine  Ankunft hier und dort.
Und wieder seh ich die Sonne strahlen, seh dich leben, seh eine andre Hand dich leiten
In Ewigkeit.
(Gabi Bösch)

Ich wurde von meiner Großfamilie und von so vielen Freunden getragen!
Es war so wunderbar in diesem großen Schmerz so viel Liebe zu fühlen!
Einer von Jonathans Brüdern  (damals 15 Jahre alt) war sehr eng mit seinem verstorbenen Bruder verbunden. Ein paar Tage nach dem Unfall sass er am Tisch und sagte: "Mama, ich habe mich immer gefragt wie es ist, wenn mein kleiner Bruder stirbt.. Nun weiss ich es".
Und ich zu ihm: "Was, du auch?" Das war erstaunlich.
Ich könnte stunden über Puzzle?Teile sprechen, die sich aneinander fügten.
Ein Monat später heiratete meine älteste Tochter...  Das war keine einfache Situation für alle Beteiligten.  Am schlimmsten war der Verlust für die Jüngsten. Der Tod hinterliess tiefe Wunden. Seine Schwester hatte das Gefühl, nicht mehr glücklich sein zu dürfen.

4family: Was meinst du, Gerda, hatten deine Kinder damals die nötige (psychologische) Unterstützung, auch von aussen?
Ich bin der starken Meinung, dass nach so einem Ereignis die Geschwister ganz eng und speziell betreut werden müssen. Sie sind dann so verletzlich, haben das Gefühl, verlassen zu sein. Das haben wir übersehen, die Kinder, ja wir als Familie hätten Hilfe gebraucht.
Ich persönlich dachte wohl, allein der Glaube an Gott und daran, dass ich meinen Sohn eines Tages wiedersehen werde, wäre ausreichend als Hilfe.
Doch da entstehen derart tiefe Wunden, ja ein Trauma, das schafft kaum einer alleine. Die Gefahr ist groß, dass die Kinder nicht nur ein Geschwisterchen, sondern auch die Eltern in einem gewissen Sinne verlieren.
Bei uns gab es beispielsweise plötzlich keine Regeln mehr und es war mir eine Last zu kochen für so wenige (so empfand ich es damals). Mein Mann zog sich gleichzeitig extrem zurück.

4family: Gab es Mittel und Wege, aus diesem Loch halbwegs herauszufinden?
Im darauffolgenden Sommer belegte ich einen Kurs für Wiedereinsteiger im Beruf. Das lenkte ab ? meine Teilzeitbeschäftigung  war wichtig.
2 Jahre später folgte jedoch der nächste Schock: die Scheidung von meinem damaligen Mann. Mein Mann hatte zu Jonathan eine ganz besondere Verbindung und entsprechend war dies für ihn sehr, sehr schlimm.
Wie man so (un)schön sagt: Die Liebe war "verloren gegangen". Sein Vater war gestorben, sein Job wurde abgebaut, der Tod seines Sohnes setzte ihm sehr zu, zumal wir kaum darüber reden konnten. Ich habe ihm auch nicht wirklich zugehört in dieser Zeit. Die beruflichen Schwierigkeiten konnte ich nicht ernst nehmen. Ich merkte in der Zeit lange gar nicht, dass es hier auch um unsere Ehe ging ? ich schrieb alles der großen Trauer zu.
So entschied er sich in sein Geburtsland auszuwandern.

- Das Heute

4family: Gibt es Tage, an denen du nicht an den Verlust eines deiner Kinder denken musst?
Ich denke schon oft daran, aber nicht täglich.
Wie zuvor erwähnt: Vor drei Jahren wurde DER Baum gefällt, da weinte ich sehr (eine Woche vor Weihnachten). Das Thema war dann wieder voll da. Freude und schöne Erinnerungen sowie Trauer und Schmerz wechseln ab.
Zu den anderen fün Kindern: Wir sehen und hören uns nicht gerade jeden Tag, aber doch oft. Sie haben ja unterdessen alle ihr eigenes Leben, ihre Familien oder Freunde/Freundinnen. Es sind gute, wertvolle Beziehungen. Für mich ist dies auch eine "Zeit der Ernte" in dem Sinn, dass die Beziehung zu den eigenen Kindern immer kostbarer wird und sich noch stets verändert. Und zu sehen, wie sie ihr Leben meistern, macht mir viel Freude.

4family: So wie ich dich verstehe, hat für dich das Andenken an deinen verstorbenen Sohn ganz stark mit Symbolen zu tun?
Das stimmt. Ich erlebe sehr vieles, was symbolisch mit meinem Jüngsten im Zusammenhang steht.
Letztes Jahr beispielsweise (2009) am 18.Juni wurde ein Enkelkind geboren. Es sollte in Gedenken an Jonathan (falls es ein Bub sein sollte) seinen zweiten Vornamen Timo tragen. Es war dann tatsächlich ein erster Enkelsohn - Timo hat  exakt am selben Tag Geburtstag wie sein Onkel, den er nie gekannt hat!
Es ist mir eine große Freude, viele "Wunder" im Zusammenhang mit Jonathan zu erzählen. Oftmals höre ich: "Du sollst ein Buch darüber schreiben" und das wäre mir wirklich ein großes Bedürfnis.
Jonathans Geschichte zeigt, dass auch ein kurzes Leben ein erfülltes sein kann und dass jeder seinen persönlichen Lebensweg hat.
Ich fühle mich sehr reich beschenkt mit meinem Leben. Ich durfte wieder einen lieben Mann heiraten und kann zufrieden und glücklich sein.
Als Schluss-Botschaft möchte ich mit den LeserInnen eine Aussage vom damals siebenjährigen Jonathan teilen: "Ich bin dankbar für mein Leben."

4family: Herzlichen Dank Gerda, für deine Offenheit und deine Zeit. Wir wünschen dir alles Gute.


Das Gespräch führte Frédéric Nebel

Geschenk einer Kundin. Exakt so sah Jonathan damals im Wald aus.
Bild: Darstellung der Familie, von unserem verstorbenen Sohn Jonathan gefertigt. Er selbst ist als einziger in der Nähe seines Vaters. Die Geschwister standen näher bei mir. So war es auch : er war ein Papakind und der Liebling seines Vaters!


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