
Interview für Februar 2008.
Remo (32 Jahre) und Nicole (34 Jahre) erzählen von ihrem Wunsch, ein Kind zu bekommen.
Eine vierjährige Geschichte durch psychische Höhen und Tiefen und durch eine Vielzahl medizinischer Behandlungen.
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Interview
4Family: Fangen wir vorne an. Wie war der Beginn?
Remo: Wir hatten uns entschieden, dass wir eine Familie gründen möchten und wünschten uns ein Kind. Das ist jetzt ungefähr fünf Jahre her. Als Nicole nicht schwanger wurde, erhielten wir den Rat von Freunden: ?Entspannt euch, macht euch nicht verrückt, denkt nicht daran. Geht in die Ferien, wo?s warm ist und schön.? Das machten wir dann auch so. Wir machten Ferien im Tessin, in Kuba?
Nicole: Ich begann Temperatur zu messen, um den Zeitpunkt des Eisprungs ermitteln zu können. Nachdem ein Jahr vorbei war ohne Resultat, begannen wir mit medizinischen Abklärungen. Ich liess untersuchen, ob die Eileiter durchgängig sind. Interessant war die Redewendung der Ärzte, wenn man als Frau über 30 ist. Dann heisst es: ?In Ihrem Alter??
Remo machte ein Spermiogramm, in dem die Spermien auf Gesundheit, Qualität und Menge untersucht wurden.
4Family: Werdet ihr uns über die Resultate berichten?
Remo: Bei mir kam der Befund: ?Eingeschränkte Zeugungsfähigkeit.? Die Normwerte wurden klar unterschritten. Allerdings kann das alles oder auch nichts bedeuten. Wir kennen Paare, die mit ähnlichen Werten auf natürlichem Weg schwanger wurden. Die Tatsache, wie es wirklich ist, kann damit nicht abgedeckt werden. Es bleibt ein unsicheres Gefühl.
Wir haben dann mit Alternativmedizin weitergemacht, um psychische und körperliche Schwachstellen anzugehen. Akupunktur, Kinesiologie, Bioresonanztherapie.
Immer blieb die Frage: ?Wieso ich nicht ? wieso habe ich es nicht geschafft, dass Nicole schwanger wird.? Das war hart, damit umzugehen. Es sind Versagergefühle und Selbstwertthemen werden angesprochen. Die wichtigste Unterstützung für mich war Nicole selber. Wie sie reagiert hat. Ich fühlte mich immer als Remo, nicht als Samenspender, der ihr keine Kinder geben kann.
Nicole: Ich habe versucht ihm klarzumachen, dass ich ihn gewählt habe, weil ich ihn als Remo liebe. Dass ich unter allen Umständen zu ihm halte. Oft fragte ich mich: ?Wie kann ich ihm helfen?? Die Kinesiologie hat dazu beigetragen, dass wir die Situation annehmen konnten, dass ich mit ihm gemeinsam traurig war, anstatt dass ich dachte: ?Ich lasse ihn traurig sein, weil ich nichts tun kann.?
4Family: Diese Phase dauerte auch wieder ungefähr ein Jahr. Jetzt ging es also um die Entscheidung, ob mit medizinischen Methoden begonnen werden soll?
Remo: Richtig. Wir stellten uns die Frage: ?Können wir ohne Kinder leben oder leben wir mit Göttikindern?? Wir hörten die Fragestellung von anderen Paaren die sich fragten, ob Gott damit einverstanden wäre.
Wir entschieden uns zum Weitermachen. Wir holten uns Informationen im Internet, bei anderen Paaren und bei Gynäkologen in eigener Praxis und entschieden uns zum nächsten Schritt, die Insemination. Das ist ziemlich mathematisch mit vielen Berechnungen und Tests und beide Partner müssen da mitmachen. Die Krankenkasse bezahlt diese Behandlung drei Mal. Da geht der Mann vorgängig ins Labor, kriegt einen Becher und ein Zimmer zugewiesen und füllt den Becher durch Masturbation. Das fühlt sich mechanisch und einsam an. Nicole wartete im Labor, es wäre aber auch möglich, dass sie direkt anwesend ist. Direkt darauf erfolgt die Spermienaufbereitung im Labor.
Nicole: Ich kriegte dann das Reagenzglas, das ich mit meiner Körperwärme warm halten sollte und wir fuhren direkt in die gynäkologische Praxis für die Insemination. Da wurde der Inhalt vaginal eingeführt mit einer Kanüle, so nah wie möglich zum Eisprung.
Nach jeder Insemination die grosse Hoffnung, besonders bei Remo. Ich selber spürte jeweils vom Körper her, dass es nicht klappte. Irgendwie hatte ich immer eine Ahnung, dass es wieder nicht ging. Dieses Auf und Ab ist anstrengend, daher liessen wir uns insgesamt ein Jahr Zeit und erholten uns jedes Mal zuerst von der negativen Nachricht vor dem nächsten Versuch.
4Family: Das habt Ihr also gemeinsam geleistet, euch gegenseitig unterstützt. Und jetzt kommt die nächste Phase, die mit Spezialarzt in der Klinik.
Remo: Genau. Jetzt kommt die Phase, wo die Frau handelt und die Arbeit hat. Der Mann macht nur noch den Gang ins Kämmerlein.
Darum wartete ich, ob und wann Nicole dazu bereit wäre. Ich wollte sie auf keinen Fall bedrängen.
Nicole: Ich habe seit der Kindheit Angst vor Spritzen. Das hat mich am meisten abgehalten. Man muss sich für 3-4 Wochen täglich Hormone spritzen zu bestimmten Zeiten. Aber irgendwann war der Wunsch so gross: ?Jetzt probiere ich es wenigstens?. Wichtig war für mich die Information des Arztes, dass die Hormone psychische und körperliche Wechseljahr-Reaktionen auslösen können. Ich hatte X Untersuchungen, und jetzt war Remo derjenige, der MICH unterstütze. Der Zeitpunkt für die Eizellenentnahme wird bestimmt, das bedeutete einen Tag Klinikaufenthalt. Jemand vom Labor ist direkt anwesend, nimmt die verschiedenen Eizellen mit ins Labor, wo die aufbereiteten Spermien warten. Das nennt sich die ICSI-Methode. 9 von 10 Eizellen wurden befruchtet. Zwei Tage später pflanzte man zwei befruchtete Eizellen vaginal in die Gebärmutter ein. (Embryotransfer). Die Embryonen sind jetzt aufgefordert, sich in der Gebärmutter einzunisten. Es war schlimm, noch zwei Wochen auf den Schwangerschaftstest warten zu müssen. Ich habe mich mit Arbeit, Beschäftigung und Freundeseinladungen abgelenkt. Es hat mir aber geholfen, zu wissen, dass es noch sieben eingefrorene Embryonen gibt, falls es beim ersten Versuch nicht klappen würde.
Remo: Das war für mich die hoffnungsvollste Zeit. Ich hielt mich über Wasser und hoffte, das Warten auf den Tag X würde nicht ins Horrorszenario der Lebensumstellung ohne Kinder münden. Es waren die längsten zwei Wochen meines Lebens. Wir wollten die Nachricht unbedingt gemeinsam erhalten. Wir warteten den ganzen Abend auf den Telefonanruf der Ärztin, aber es gab Verzögerungen. Am nächsten Vormittag an der Arbeit erhielt Nicole den Telefonanruf: ?Sie sind schwanger.? Sie rief mich sofort an: ?Wir sind schwanger.? Ich konnte nicht mehr weiterarbeiten. Den Nachmittag verbrachten wir gemeinsam.
4Family: Nicole ist jetzt also schwanger und die Schwangerschaft entwickelt sich gut. Was würdet ihr rückblickend sagen?
Remo: Ich würde wieder diesen Weg gehen. Es ist alles möglich. Unser Humor hat uns auf dieser Reise gut getan ? immer wieder zusammen lachen können, z. B. wie Nicole mit einem Lächeln und übertrieben professionell die Bläschen aus der Spritze tippte.
Nicole: Wenn man sich entschieden hat für diesen Weg, einfach nicht aufgeben und durch nichts und niemanden abbringen lassen. Jedes Paar muss sich selbst entscheiden. Keine Schuldzuweisungen machen.
Epilog: Nicole hatte bereits früher ihr Arbeitspensum von 100% auf 60% reduziert, um eine Schwangerschaft zu begünstigen. Während der medizinischen Phase hatte sie ihren Arbeitgeber informiert. Sie freut sich aufs daheim sein mit ihrem gemeinsamen Kind. Remo ist im ganzen Prozess ehrlich und selbstreflektiert mit sich und offen mit Nicole umgegangen. Eine ganz persönliche Aussage, die mich während des Interviews berührte, war: ?Ich habe mich geschämt für meinen Neid, wenn andere schwanger wurden.? Beeindruckend ist die gegenseitige vorbehaltlose Unterstützung, die sich dieses Paar gibt.
Interview mit Remo und Nicole von Margareta Hofmann
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