Erziehung – zwischen Grenzen und Flügeln

Mobbing meines Kindes


Frage:

Unser Sohn wird seit über einem Jahr von verschiedenen Kindern auf dem Schulweg belästigt. Sie haben ihm unter Androhung von Schlägen verboten, diesen oder jenen Weg zur Schule zu nehmen. Im Dezember 08 hat das Ganze schlimme Ausmasse angenommen! Zuerst waren es einige Jungs aus unserer Siedlung, die ihn auf dem Schulweg belästigt haben. Dann hat es sich ausgeweitet auf eine ganze Schulklasse. Sie haben ihm gedroht, ihn zu verprügeln, wenn er rauskommt, resp. ihn auf dem Schulweg abzupassen. Es ging dann so weiter, dass die Sechstklässler ihn gejagt haben. Dann ging es weiter, dass auch seine Schwester belästigt wurde. Sie haben den Buben über die Strasse gehetzt, das Mädchen sogar übers Bahngeleise! Das haben wir dann mit der Schule geregelt. Es hat sich dann auch tatsächlich gebessert. Leider haben wir von der Schule nie ein Feedback erhalten, dass es aufgenommen wurde und dass mit den betroffenen Eltern und Kindern gesprochen wurde. Das finde ich sehr schade. Es hat jedenfalls gebessert! Bis auf die Situation mit dem Schulweg; da herrscht ein ständiges Auf und Ab! Mal wird an der Jacke gerissen, bis sie einen Riss hat, mal wird ihm der neue Schirm, kaputt gemacht! Wenn man dann das Gesprächsucht, hört man Worte wie: Er hat eben gereizt. Ihr habt keine Zeugen.... usw. Sehr frustrierend! Wir haben auch den Kontakt mit der Schule gesucht. Leider mit eher mässigem Erfolg! Da es ja nicht die Schule betreffe. Kürzlich hat es eine grobe Beissattacke gegeben! Er wurde von einem Nachbarsjungen auf dem Schulweg so sehr gebissen, dass man Tage später noch Spuren sah! Diesmal hatten wir einen Zeugen für die ganze Sache! Da die ganze Situation sehr heikel war, haben wir uns zuerst an die Schule gewandt! Mit eher geringem Erfolg! Wir haben sogar über eine Anzeige nachgedacht, weil es einfach nicht mehr aufhört! Davon haben wir aber abgesehen. Wir haben einen Brief geschrieben, dass wir die Schule informiert haben und beim nächsten Mal eine Anzeige machen werden.

Natürlich ist uns bewusst, dass auch unser Sohn einen Anteil an der ganzen Situation hat. Er "zeuckelt" gerne und reizt so die andern auch gerne mal! Aber es gibt keinen Grund, dass man systematisch auf ein Kind losgeh, zumal es nicht 1:1 ist! Auch das Alter spielt für mich eine grosse Rolle! Mehrere Sechstklässler gehen auf einen (damals) Drittklässler los, geschweige dann noch gegen die Schwester des Jungen.

Was können wir tun, um die Situation zu verbessern?

Antwort:

Solch beständige Bedrohung prägt das Selbst- und Weltbild eines Kindes langfristig. Das verwächst sich nicht einfach so im Laufe der Zeit. Es gibt verschiedene Massnahmen, die hilfreich sein könnten. Zum Beispiel ihn dabei zu unterstützen, dass er einen oder mehrere gute Freunde hat, mit denen er regelmässig spielen kann. Vielleicht ein regelmässiger Gesprächstermin mit der Lehrerin des Jungen und derjenigen der 6. Klasse, um Aufmerksamkeit und Präsenz zu zeigen und auf dem Laufenden zu sein. Man könnte auch das (gelegentliche) Gespräch mit den Kindern und -altersabhängig- auch mit deren Eltern selber suchen, um zukünftigen Vorfällen vorzubeugen. Eine manchmal sehr hilfreiche Massnahme ist, die gefürchtetsten zwei oder drei Mitschüler anzusprechen, ihnen zu erklären wie schlimm Verfolgung ist und sie dann zu bitten, doch den Buben und seine Schwester in Zukunft vor solchen Übergriffen anderer zu beschützen. Wenn man die Richtigen erwischt und sie sich darauf einlassen (auf diese Weise können sie zu „Helden“ werden!), kann das sehr viel bewirken. Leider geht es hier um eine Gruppendynamik, die sich schon sehr eingespielt hat. Da ist es oft schwerer, wirksame Massnahmen zu setzen. Vor allem, wenn man in der Schule wenig Unterstützung findet.

Eine extreme Massnahme wäre der Umzug der ganzen Familie in einen anderen Schulbezirk. Diese Massnahme könnte aber die richtige sein, wenn die gesunde emotionale Entwicklung eines Kindes ernsthaft gefährdet ist (wenn es um uns ginge, würden wir eine solche Behandlung ja auch nicht auf Dauer einfach hinnehmen!). Es könnte weiter sehr wichtig sein, einen auf solche Situationen spezialisierten Kinderpsychologen aufzusuchen. Er kann den Kindern helfen, belastende Erlebnisse zu verarbeiten und sie nicht zu einem Teil von sich selber zu machen. Wenn ein Umzug mit gezieltem Emotionstraining der Eltern mit den Kindern einhergeht (siehe Buchtipp) steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Erfahrung woanders nicht wiederholt.

Hast du auch Fragen von allgemeinem Interesse an unsere Spezialisten? Dann nutze
das folgende Formular, um diesen kostenlosen Dienst in Anspruch zu nehmen.

Buchtipp:

Kinder brauchen emotionale Intelligenz Ein Praxisbuch für Eltern
John Gottman