"Zwängerei" eines Zweijährigen
Frage:
Guten Tag.
Ich wohne seit 2 Jahren in Brasilien mit meiner brasilianischen Frau. Zusammen haben wir einen zweijährigen Sprössling.
Leandro ist sehr anstrengend, weil immer „etwas gehen“ muss. Ich denke, das ist normal. Er scheint nicht hyperaktiv zu sein.
Was er dagegen hat, was uns Schwierigkeiten bereitet ist, dass er viel "zwängelet". Beim Baden will er die Seife nicht hergeben, und wenn wir sie ihm dann wegnehmen, dann geht’s los mit Geschrei.
In solchen Situationen weiss ich jedoch nicht richtig, wie ich mich verhalten soll. Hier in dieser Kultur gibt man dem Kleinen gerne auch mal einen Klapps....das habe ich auch schon gemacht, aber ich denke, das das falsch ist. Wie geht man am besten damit um? Z.B. aufs Bett legen und ihn alleine lassen, bis er sich beruhigt hat? Und wie kann ich es dann auf der Strasse machen?
Ich hoffe, Sie verstehen mein Anliegen, und bedanke mich im Voraus für Ihre Antwort.
Antwort:
Gesunde Kinder sind oft auch ganz schön lebhaft, was für die Eltern nicht immer einfach ist. Man fragt sich manchmal, warum den Eltern die Kraft ausgeht und dem Kind nicht?! Wenn es auch noch entdeckt, dass es einen eigenen Willen hat und diesen auch durchsetzen kann, wird alles noch anspruchsvoller.
Es ist sehr wichtig, dass Leandro das Wort „nein“ verstehen lernt. Um ihm dabei zu helfen ist es gut, es nicht zu viel zu verwenden. Es lohnt sich, vor dem Nein-Sagen zu überlegen, ob man nicht auch ja zu einer Sache sagen könnte. Wenn es aber „nein“ sein muss, dann sollte man nicht lange reden. Wenn nicht geschieht, was sein muss, macht man vielleicht ein kleines Spiel daraus (z. B. das grosse Hand-Krokodil kommt und stiehlt die Seife), aber man sorgt auf jeden Fall durch Taten dafür, dass das Nein eingehalten wird. Nicht mit vielen Worten, oder im Zorn oder Ärger, sondern gleich, und zwar liebevoll und bestimmt gleichermassen. Auch auf die Gefahr hin, dass das Kind schreit und tobt. Trotzanfällen begegnet man am besten, indem man sie ignoriert. Das ist daheim einfacher als unterwegs, aber dem Kind in dieser Situation seine volle Aufmerksamkeit zu schenken ist wie eine Belohnung. Niemand mag einen Schreianfall vor der Kasse (vor allem wegen der Blicke anderer Erwachsener, die immer sooo viel besser wissen, was zu tun wäre ...). Trotzdem ist es wichtig und notwendig, auch da beim Nein zu bleiben – oder gleich ja zu sagen, wenn man heute die Energie dazu nicht hat., das „nein“ durchzuziehen. Wenn die Sicherheit des Kindes nicht gefährdet ist, kann man es ruhig toben lassen und ignorieren, bis es wieder ruhig wird.
Wenn Leandro sich sicher fühlen soll, braucht er klare Grenzen. Er muss erleben, dass seine Eltern ihn vor für ihn unbegreifbaren Gefahren wie Messern, Verkehr etc. beschützen. Wenn ihr als Eltern ihm diese Grenzen und Sicherheit nicht gebt, sucht er sich selbst Schutz, indem er alles selber bestimmt. Mit der Zeit habt ihr dann einen kleinen Tyrannen, der immer grösser wird. Nichts Wünschenswertes!
Es ist besonders bei kleinen Kindern ganz wichtig, dass alle (auch zurechtweisende) Massnahmen mit innerer Wertschätzung und Achtung für das Kind geschehen. Wenn Eltern bei Fehlverhalten des Kleinkindes wiederholt mit Ablehnung, Wut oder gar Verachtung handeln, entwickelt es die Grundhaltung „ich bin ein Fehler“ (= Gefühl der Schande) anstatt „ich habe einen Fehler gemacht“ (= Gefühl von Scham). Das beeinträchtigt eine gute Entwicklung langfristig. Geben wir unseren Kindern also auch dann Liebe und Achtung, wenn wir ihnen Grenzen setzen müssen!
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